Büraberg

– Forschungsstand 09/2008 –

Das Ende der frühmittelalterlichen Büraburg aus archäologischer Sicht.

Johann-Henrich Schotten

  • 1. Traditioneller Forschungsstand.

    Die Aufgabe, die Norbert Wand um die Mitte der 1960er Jahre gestellt bekommen hatte, war der Teil eines Projektes im Rahmen der Forschungsprogramms "Die Entstehung der europäischen Nationen im Mittelalter", speziell des Sonderunternehmens "Die Franken im Gebiet östlich des Rheins", das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) getragen wurde und 1965 wie 1970 zwei Tagungen zeitigte. Ein Teil der bei dieser Gelegenheit gehaltenen Vorträge wurden in leicht veränderter Fassung 1975 zusammenfassend und unter dem Titel "Althessen im Frankenreich" von Prof. Walter Schlesinger, Historisches Seminar der Philipps-Universität Marburg, veröffentlicht.
    Man war seinerzeit noch sehr "schriftfixiert" und so kam es, dass alles, was nicht eindeutig kunsthistorisch spätrömisch oder völkerwanderungszeitlich war, andererseits noch nicht offenbar romanisch oder gotisch aussah, für karolingerzeitlich angesehen wurde. Denn die Schriftquellen der fränkischen Dynastien flossen, angefangen mit der "Frankengeschichte" des Gregor von Tours (bis Ende des 6. Jahrhundert) über den immerhin damals schon als unseriös angesehenen Pseudo-Fredegar (7. Jahrhundert), die sog. "Briefe des Bonifatius" und sein schriftliches Umfeld bis zu den "Reichsannalen" des karolingischen Hofchronisten Einhard und seiner Nachfolger auch für das 8. und 9. Jahrhundert reichlich. Selbst wenn dem aus Thüringen emigrierten Prof. Schlesinger der Gedanke nicht unangenehm war, man könne mit Hilfe der Archäologie auch Probleme der Geschichtsschreibung lösen, kursierte seinerzeit unter den meisten seiner Schüler noch die Meinung, dass der schriftreichen und prachtvollen Karolingerzeit eine geradezu "dunkle" und ärmliche weil schriftlose Epoche der folgenden Ottonendynastie gegenüberstünde, mit der man halt nichts anfangen könne.
    Die Archäologie des frühen bis hohen Mittelalters steckte, zumindest in unserem Raum, damals noch in den Kinderschuhen. In Süddeutschland gab es wenigstens zahlreiche Reihengräberfelder, in Waldeck-Frankenberg mal eines in Goddelsheim, im benachbarten Oberhessen gelegentlich Grabhügel. Magerer sah es jedoch mit den anderen materiellen, insbesondere keramischen Hinterlassenschaften aus. Es ist daher nicht verwunderlich, dass, ausgehend von den ersten Grabungen Joseph Vonderaus in Fulda, Bad Hersfeld und auf dem Büraberg, vermehrt um einzelne frühmittelalterliche Funde aus Gensungen, Fritzlar und Treysa u. a., Konrad Weidemann, seinerzeit am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) in Mainz, für unseren Raum glaubte, im Verlauf des 7. Jahrhunderts lediglich eine "Westfälische", "Thüringische", "Oberhessische" und "Niederhessische" Ware unterscheiden zu können (letztere unter Ausgräbern seinerzeit scherzhaft als "Hessische Landrasse" bezeichnet).
    Die erste frühmittelalterliche Großgrabung in unserem Raum in der "Kesterburg" auf dem Christenberg im Wetschaftstal nördlich Marburg schien den damaligen Leiter des Landesamtes für Bodendenkmalpflege, Außenstelle Marburg, Dr. Rolf Gensen, der auch der Grabungsleiter war, nun in die Lage zu versetzen, das ganze keramische Spektrum der Karolingerzeit in Mittel- und Nordhessen präsentieren und ordnen zu können. Letzteres geschah dann auch, und alle Folgegrabungen wie auf dem Büraberg (1967-1973, bis 1995), Fritzlar-Geismar (1973-1980), Fritzlar-Holzheim (1976-1986), Neuental-Zimmersrode (1981/2001) orientierten sich an seinen Bestimmungen. Noch Anfang der 1990er Jahre datierte Gensen für ein Tagungs-Referat der Ausgräberin auf der Burg "Weissenstein" bei Marburg die Scherben in die späte Karolingerzeit, und dies zu einem Zeitpunkt, als, nicht zuletzt wegen der Ergebnisse von Fritzlar-Holzheim, schon Zweifel aufgetaucht waren und auch geäußert wurden.
    So ist es nicht verwunderlich, wenn Norbert Wand in seiner 1974 publizierten Dissertation über die erste Hälfte seiner Büraburg-Grabung (1967-1971) noch von einer Errichtung der Anlage im späten 7. Jahrhundert ausging (seine Phase I), wobei wir als Mitgräber uns einmal an einer "civitas"-Erwähnung in einer Biographie des Bonifatius-Schüler Gregor von Utrecht orientierten und andererseits ausgerechnet an einer Passage der umstrittenen Fredegar-Chronik anklammerten. Auch mochten dies einzelne Kleinfunde bestätigen. Das einzige, was uns hätte irritieren können, war die Ähnlichkeit einiger wesentlicher Befestigungsteile mit denen der spätrömisch/byzantinischen Grenzfeste Sadovec in Nordbulgarien (2. Hälfte 6. Jahrhundert). Das hielten wir aber für eine zu vernachlässigende Wunderlichkeit (Abb. 1). Sogar für den "Sachsensturm" von 774 schien es in Gestalt einer beschädigten und augenscheinlich hastig reparierten Mauerpassage der Phase II einen Hinweis zu geben.
    Auch die Frage nach der Aufgabe der Anlage nach dem Abschluss der Sachsenkriege, war wohl ein lösbares Problem. Ausgehend von dem keramischen Fundmaterial vom Christenberg und aus dem Töpferofen von Neuental-Zimmersrode wurde die dortige Datierung von Rolf Gensen und dem Bearbeiter Michael Matthias, Fritzlar, übernommen, der ebenfalls gute Gründe fand, sein Fundmaterial in die Mitte des 9. Jahrhunderts zu setzen. Von dieser Ansicht ist meines Wissen der Ausgräber Norbert Wand bis zu seinem Tode, jedenfalls offiziell, nicht mehr abgewichen.

     

  • 2. Die Büraburg und Fritzlar, neue Erkenntnisse.

    Aus der schriftlichen Überlieferung kann man entnehmen, dass Bonifatius anscheinend trotz der Sicherheit, welche ihm die Büraburg gewährt hätte, auf der anderen Seite ein schnell aufblühendes Kloster und eine Schule errichtete, das nur zwei Generationen später bereits mit einer benachbarten Pfalz Karl dem Großen und seinem Hofe Aufenthalt gewähren konnte. Danach müssten Fritzlar und Büraburg über 100 Jahre zunächst nebeneinander und gleichzeitig bestanden haben. Die Gleichzeitigkeit beider Siedlungen sollte bei solcher Nähe auch gleichartige materielle Hinterlassenschaften zur Folge haben. Es fällt allerdings auf, dass es kaum frühmittelalterliches Scherbenmaterial auf dem Büraberg gibt, das man, beim jetzigen Stande jedenfalls, auch im Zentrum des ursprünglichen Fritzlar, dem "oberen" und "unteren Friedhof" fände, umgekehrt gilt das gleiche. Die Büraburg und Fritzlar schließen also einander weitgehend aus. Damit muss, aus heutiger archäologischer Sicht, bezweifelt werden, dass sie beide, wenn überhaupt, lange nebeneinander bestanden haben, wie es eben die Schriftquellen und die bisherige Forschung gesehen haben.
    Für die vage Kenntnis zum wirklichen zeitlich-genetischen Verhältnis von Büraburg und Fritzlar in der frühen Neuzeit ist nun eine Textstelle bei Wilhelm Dilichs "Hessischer Chronika" (1605) von Bedeutung. Zugleich zeigt sie, wie noch Anfang des 17. Jahrhunderts die traditionelle schriftliche Überlieferung Schwerpunkte setzte. Dilich schrieb (ebd. 162, Orthographie möglichst wie im Original): "...Fridßlar / ob sie wohl in dem fürstenthumb Hessen ligt / gehoeret sie doch neben dem staettlein Numburgk dem Ertzbisschoff zu Mentz / ist auch anfaenglich der Thumbstifft daselben jahrs 732 von Bonifacio/und die stadt bald darauff aus der stadt Buriburg / dessen lagerort man noch bey Fridßlar auf einem hohen Berge sehen kann/darumb daß dieser ort zubewohnen bequemer und habhaffter / erbawet..." Dilich meinte also, dass die Büraburg nicht nur älter als Fritzlar, sondern zugleich die Vorgänger- bzw. Ursprungssiedlung der neu erbauten Siedlung auf der anderen Ederseite war. "...zu bewohnen bequemer und habhaffter..." bezieht sich sicher auch auf die Sachverhalt des Wassermangels auf der Burganlage, der seine Ursache in der geologischen Struktur des Berges aus nach Nordosten abfallenden Schichten des mittleren Buntsandsteins hat. An Wasser herrscht jedoch auf der Hochterrasse von Fritzlar, wie manche Bewohner der Altstadt leidvoll wissen, wahrlich kein Mangel. Auch der Zugang zur neuen Siedlung wird man sicher als einfacher bezeichnen können.
    Aber bei der Datierung des Vorganges bekommt Dilich Schwierigkeiten. Die kirchliche schriftliche Überlieferung lässt ihn Bonifatius sogar das Stift im 8. Jahrhundert gründen, das uns aus anderen Quellen erst um 1000 n. Chr. erstmals überliefert ist. Beim nächsten Datum (Mai 919 oder 920?) befindet er sich bereits an den Anfängen des Deutschen Reiches. Dagegen weiß er nichts von Vorgängern der Burg, überhaupt ist die Merowingerzeit sehr legendär dargestellt. Er kennt das Bistum Büraburg von 742 nicht, auch nicht in dem nach Jahren gegliederten Teil der Chronik wo man weitere Details zur Gesamtgeschichte findet.
    In welcher Zeit wird man nun die Aufgabe der Büraburg und den eigentlichen Beginn von Pfalz und Siedlung vermuten dürfen? Denn für das schriftlich belegte bonifatianische Kirchenprojekt fehlt an den bisher ergrabenen Stellen jeder Befund, und das kann nicht dadurch erklärt werden, dass man beim Bau der ersten Stiftskirche "...alles aufgeräumt habe...".
    Den ersten Hinweis auf einen neuen Ansatz verdanken wir Prof. Dr. Joachim Henning, der als frühmittelalterlicher Archäologe zuvor an der Humboldt-Universität in Berlin gelehrt und im Laufe der 1990er Jahre an die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität gewechselt hatte. Er war schon vor der Wende an vielen Grabungsplätzen in Ost- und Südost-Europa tätig gewesen und brachte entsprechende Erfahrungen mit. Auf und an der Büraberg grub er dann in den Jahren um 2000 in mehreren Kampagnen. Im Angesicht der sog. "Staffelwälle" und -gräben zwischen der westlichen Befestigungsmauer und der Hochebene über Ungedanken wie auch im ostwärtigen Vorgelände der Kesterburg auf dem Christenberg (Abb. 2) teilte er uns überraschend mit, dass derartige Konstruktionen als Verteidigungsmaßnahmen gegen die berittenen Reiterheere der Ungarn anzusehen seien. Der erste Einbruch des kriegerischen Volkes in deutsches Siedlungsgebiet vermerkt ein Frater aus St. Gallen in den Annales Alamannici für das Jahr 907. Dieses Zusammentreffen mit den Bayern unter Landgraf Luitpold endete in einem militärischen Desaster, weitere folgten. Frühestens zu dieser Zeit muss man sich Gedanken über die Abwehr der blitzartigen und mörderischen Überfälle gemacht haben. Auch das Jahr der Wahl Herzog Heinrichs von Sachsen zum ersten nichtfränkischen König in Fritzlar war von ungarischen Raub- und Plünderungszügen in Sachsen überschattet. Es folgen Angriffe 924 und 926. Durch einen glücklichen Zufall konnte Heinrich damals einen Waffenstillstand aushandeln und ab diesem Jahr die ungarischen Einfälle durch Tributzahlungen stoppen. Zugleich baute er die alten Reichsburgen aus und errichtete neue, die im Volksmund bald als "Heinrichsburgen" überliefert wurden. Bekanntlich war gegen den dichten Pfeilhagel kurzer ungarischer Reflexbögen nicht viel auszurichten, man konnte jedoch die überraschende Annäherung zu Pferd verhindern, wenn vor den eigentlichen Befestigungsmauern mehrere tiefe Spitzgräben und Wälle mit scharfkantigen Steinen und Palisaden den Weg für diese Tiere unpassierbar machten. Genau das sehen wir vor der Büraberg und dem Christenberg. Wie groß die Angst vor dem Feind gewesen sein muss, belegt die Tatsache, dass diese Hindernisse über eine Strecke von mehreren hundert Metern tief in den gewachsenen Fels hin eingetrieben worden sind! Im Jahre 932 waren die Baumaßnahmen abgeschlossen, und die Tributzahlungen wurden eingestellt. Damit flammten die erbitterten Kämpfe wieder auf, aber den deutschen Stämmen gelang unter Heinrich am 15. März 933 bei Riade (an der Unstrut in Thüringen?) ein erster großer Sieg.
    Es ist wahrscheinlich nicht ganz abwegig, die Anlage der "Staffelwälle" und womöglich den kompletten Neubau der Festung auf dem Büraberg (die von Wand definierte Phase II) in die Jahre zwischen 926 und 932 zu datieren. Das bedeutet aber, dass die Büraburg nicht schon um die Mitte des 9. sondern erst im mittleren Drittel des 10. Jahrhundert aufgelassen worden wäre. Darauf verweisen auch einige Topfränder, die nach der Fundauswertung des Materials aus der Wüstung Holzheim bei Fritzlar seit kurzem in diese Zeit datiert werden können (Abb. 3, damals Wand Phase IIb). Das hätte nicht nur Konsequenzen für die Zeitstellung des bisher archäologisch erschlossenen Fundgutes des ganzen Umfeldes sondern auch für die eigentliche Entstehung des befestigten Platzes Fritzlar mit seinen Einrichtungen! Die Grabung von Jürgen Kneipp im Meydeweg im Jahre 1999 erschloss dann auch die Fortentwicklung einer wohl ebenfalls anti-ungarischen Grabenkonstruktion. Der Reichstag, auf dem Otto der Große im Frühjahr 953 in Fritzlar die Probleme des Liudolfinischen Aufstandes zu lösen versucht hat, kann somit bereits in einer nagelneuen Baulichkeit abgehalten worden sein. Wie man sich nun jedoch den Wahlort des Vaters Heinrich im Jahre 919 vorzustellen haben wird, muss die zukünftige Forschung erweisen.

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    Die Erforschung

    Joseph Vonderau 1926-1931 (1934)

     

 
 

Literatur:

Anke, Bodo / Révész, László und Vida Tivadar, Reitervölker im Frühmittelalter. Archäologie in Deutschland, Sonderheft PLUS, Stuttgart 2008.

Best, Werner, Funde der Völkerwanderungs- und Merowingerzeit aus der frühgeschichtlichen Siedlung Fritzlar-Geismar, Schwalm-Eder-Kreis. Materialien zur Frühgeschichte von Hessen, Bd. 12,2, (Wiesbaden 1990).

Filip, Jan, Enzyklopädisches Handbuch zur Ur- und Frühgeschichte Europas (Prag 1966).

Fleckenstein, Josef, und Bulst-Thile, Marie, Begründung und Aufstieg des deutschen Reiches. Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte 3 (München 11973,61982).

Gensen, Rolf, Der Christenberg - Keltenburg und Karolingerfestung. Oberhessische Presse vom 16.06.1972.

Ders., Christenberg, Burgwald und Amöneburger Becken in der Merowinger- und Karolingerzeit. In: Schlesinger (1975), 121-172

Hanauskas, Petra, Neue Forschungen zum Töpferofen von Neuental-Zimmersrode, Schwalm-Eder-Kreis. Berichte der Kommission für Archäologische Landesforschung in Hessen 6, 2000/2001, 167-179.

Holtzmann, Robert, Geschichte der sächsischen Kaiserzeit. 2 Bde. dtv Wissenschaftliche Reihe (München 1941,51967/1971).

Kneipp, Jürgen, Bericht über die archäologische Voruntersuchung und die archäologische Überwachung der Ausschachtungsarbeiten auf dem Grundstück ‘Meydeweg 10’ in Fritzlar. Fa. Erdreich, Fritzlar-Züschen (Original vom 03.08.2008).

Matthias, Michael, Ein karolingischer Töpferofen aus Neuental-Zimmersrode, Schwalm-Eder-Kreis. Fundberichte aus Hessen 27./28. Jahrgang, 1987/88, 137-158.

Pollmann, Bernhard, Daten der Geschichte. Hermes Hand Lexikon (Düsseldorf 1983).

Scheffern gen. Dilich, Wilhelm, Hessische Chronica... (Cassel 1605), Faksimile im Bärenreiter-Verlag, Kassel 1961.

Schlesinger, Walter, Althessen im Frankenreich. (Sigmaringen 1975).

Wand, Norbert, Die Büraburg bei Fritzlar. KBV 4 (Marburg 1974).

Ders., Die Büraburg und das Fritzlar-Waberner Becken in der merowingisch-karolingischen Zeit. In: Schlesinger (1975), 173-210.

Vonderau, Joseph, Die Ausgrabungen am Büraberg bei Fritzlar 1926/31. 22. Veröffentlichung des Fuldaer Geschichtsvereins (Fulda 1934).

Weidemann, Konrad, Archäologische Zeugnisse zur Eingliederung Hessens und Mainfrankens in das Frankenreich vom 7. bis zum 9. Jahrhundert. In: Schlesinger (1975), 95-120.


 
 

– Forschungsstand 11/2016 –

Büraburg. Neue Forschungen und Fragestellungen

  • 1. Einführung

    Die archäologische Forschung im früh- bis hochmittelalterlichen Mittelgebirgsraum kann schon auf eine über 100jährige Geschichte zurückblicken. Es würde aber den Rahmen sprengen, wenn man sich diese komplett Revue passieren lassen würde. Es gibt aber ein Objekt, einen Platz, an dessen Erforschung man schon lange, praktisch ein halbes Jahrhundert, immer wieder Anteil nehmen konnte, teils aktiv, teils als interessierter Beobachter. Es handelt sich um die Büraburg, die der Erhebung Büraberg seit, ja, seit wann eigentlich(?), bei Fritzlar im heutigen Schwalm-Eder-Kreis, den Namen gegeben hat.

    Die Erforschung des Platzes nach wissenschaftlichen Maßstäben begann zu Anfang des 18. Jahrhunderts. Die erste akademische Zusammenstellung bietet eine Marburger Dissertation aus dem Jahre 1717, die allgemein Johann Hermann Schmincke zugeschrieben wird (Titelbild). Ein genauerer Blick zeigt aber, daß Prof. Schmincke lediglich der Vorsitzende der Prüfungskommission war. Die eigentliche wissenschaftliche Arbeit hatte aber ein Johann Conrad Wetzel geleistet, der aber fast nie zitiert wird.
    Die zunächst allein an der überlieferten Schriftlichkeit orientierte Forschung bildet bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das Ziel aller Bemühungen. Erst kurz vor dem 1. Weltkrieg setzt sich dann die Vorstellung durch, dass die neue Methode der archäologischen Erschließung auch hier für Epoche des Früh- bis Hochmittelalters neue Fakten liefern könnte. Es bedurfte dann mehrerer Forschergenerationen, die nicht nur die neue Technik bis zum heutigen Stand der naturwissenschaftlich gestützten Hilfsmittel weiterentwickelt haben, auch die Fragestellungen haben sich von zunächst vor allem religiösen geprägten zu eher säkular/politischen geändert und die Qualität der zuvor kritiklos akzeptierten Schriftquellen wurde, gerade in den letzten Jahrzehnten, zunehmend geprüft, was dazu geführt hat, dass sie nicht mehr 1:1 als zuverlässige Darstellung der historischen Realität aufgefasst werden, falls man das überhaupt je anzunehmen berechtigt war.

    Es ist hier nicht der Ort über das Phänomen mittelalterlicher Fälschungen zu referieren, das mögen Kompetentere tun, es muss aber Prähistorikern erlaubt sein, ihre sachlichen Fakten, soweit die Ansprache von Befund und Funden das zulassen, jeweils mit den bekannten Schriftquellen in einen kritischen Dialog treten zu lassen. Das mag manchmal schmerzliche Folgen haben, wie ich am eigenen Leibe gespürt habe, aber nur so kann man sich dem nähern, was wir für die geschichtliche Wahrheit halten, insoweit das überhaupt je geht. Manchmal schießt man dabei sicher heftig über das Ziel hinaus, aber dafür gibt es Diskussionen, die man aushalten muss.
    An den hier „addierten“ Forschungen habe ich, mit zwei Ausnahmen, nicht direkt mitgewirkt. Ich trage also hier nur die Schlüsse vor, die sich aus den Untersuchungen in den letzten Jahren ergeben haben könnten.

 

  • 2. Grabung Vonderau

    Die archäologischen Aktivitäten des Gymnasialprofessors Joseph Vonderau aus Fulda entzündeten sich an der Vorstellung mit den Mitteln der neu praktizierten Wissenschaft auch die Geschichte der Frühzeit in seiner Heimat erschließen zu können. Er war zwar auch mit der Aufdeckung vorgeschichtlicher Epochen beschäftigt gewesen, aber die Idee mit dem Werkzeug der Ausgrabung die Spuren des „Apostels der Deutschen“ Winfrid genannt Bonifatius belegen zu können, bewegte ihn als guten Katholiken aus Fulda schon vor dem 1. Weltkrieg. Nach seinem Heimatort und Hersfeld wurde so das „Bistum Büraburg“ in den Jahren 1926-1931 das Ziel seiner Bemühungen.

    Für Vonderau war die umfangreiche Ummauerung (die er ein Bauwerk einer einzigen Phase zuschrieb) einer etwa 8 ha großen Fläche ein zweifelsfreier Beleg für das in einem Brief an Bonifatius so genannte oppidum, also für den Platz eines Bistums im 8. Jhn. Flächengrabungen waren damals noch recht selten oder sehr kleinräumig (Abb. 01). Pfostenlöcher spielten bei ihm noch keine so große Rolle, auch wenn er von „Häusern“ schreibt. Die Befunde und Funde reichten ihm aus, denn sie waren zwar prähistorisch, steinzeitlich und eisenzeitlich, nicht jedoch „antik“ aber auch nicht hoch- bis spätmittelalterlich, soweit man das damals anzusprechen vermochte. Allerdings setzte schon Vonderau in seinem Vorbericht 1928 die Bezeichnung 'fränkische „Stadt“ ' in Gänsefüßchen! Eine Zweitbezeichnung als „Grenzkastell“ schien ihm dabei offenbar mindestens genauso angemessen (Vorbericht 1928, S. 45). Auch der in eine Kellermauer hinter der Brigiden-Kapelle eingebundene „Taufbrunnen“ mit einem in einen Rand eingeritzten gleicharmigen Kreuz schien gut in die tradierte Missionstätigkeit des Heiligen zu passen (Abb.02). Damit sah er die Schriftquellen weitgehend bestätigt, und dabei blieb es auch für die nächste Generation. Er diskutierte allerdings bereits eine vorbonifatianische, frühe iroschottische Mission (St. Brigida) und eine Gründung der Anlage um die Mitte des 6. Jhv.

 

  • 3. Grabung Wand 1967-1973, 1995

    Der Auftrag an Norbert Wand hatte auch die Aufgabe, auf dem Büraberg nicht nur die Forschungen von Vonderau nachzuprüfen und gegebenenfalls zu präzisieren, sondern auch die von Rolf GENSEN begonnene Forschungen auf dem Christenberg zu ergänzen. Dazu gehörte auch die zeitliche Einordnung der historisch wichtigen Anlage als eine von mehreren, die man als politisch zusammengehörig empfand (Curtis-These von Willi GÖRICH). Es gelang ihm zwei Bauphasen der Befestigung zu unterscheiden. (Abb. 03). Tatsächlich glaubte Norbert WAND unter der Trasse der Phase I auf dem Berg wegen einiger, von uns damals bemerkten, aber gar nicht genauer dokumentierten Holzkohlespuren eine ältere hölzerne Befestigungslinie nicht ausschließen zu können, einen Turm des VONDERAU als Standort eines speziellen Torbaues zu erkennen (Abb. 04 – Abb. 05 – Abb. 06), der den Weg nach Fritzlar hinüber zuließ, und Details von NW- (Abb. 07) und SO-Tor (Abb. 08) zu klären. Außerdem fanden sich Details einer randlichen Innenbebauung in der Nähe der Tore, deren Parallelen den Aufwand der frühmittelalterlichen Militärarchitektur belegten (Abb. 09 – Abb. 10). Es handelte sich wohl um ähnliche Befunde, die Vonderau seinerzeit als „Häuser“ angesprochen hatte, die wir aber für „Kasematten“ hielten. Dazu trat der Nachweis von mehrlinigen Annäherungshindernissen nicht nur auf der West- (Abb. 11) sondern auch auf der Ostseite (Abb. 12). Außerdem ergaben sich im Vorgelände erstmals Hinweise auf eine Besiedlung im Neolithikum (Michelsberger Kultur) sowie Spuren einer Bebauung vor dem SO-Tor, die in Marburg gerne als Zeugen einer „Vorburg“ angenommen wurden.


    Die damals allerorten geforderten Nachweise der „Frankisierung Althessens“, unter der das Grabungsprojekt gefördert worden war, hätte viele dieser Befunde eventuell noch in der Merowingerzeit ansetzen können. Da wir damals schon keine Knickwandkeramik gefunden haben, blieben wir etwas unschlüssig. Einige handgemachte Scherben erinnerten uns später an eine dünne Strate, die uns in der Wüstung Holzheim unmittelbar über der Knickwandkeramik begegnet ist. Damit gelangte die Phase I in die schriftlich scheinbar so gut belegte Karolingerzeit, und das war es dann (Abb. 13). Eine Datierung von Phase I an das Ende des 7. Jhn., also in die Zeit vor einer Nutzung der Anlage durch Bonifatius, war also eher eine Art „Notlösung“, da sich weder bei Gregor von Tour (bis Ende 6. Jhn.) noch bei Fredegar (7. Jhn.), der ohnedies als obskur galt, irgendeinen Hinweis auf entsprechende politische Aktivitäten im rechtsrheinischen Reichsteil finden ließen, wenn man dort mal von einer eher nebensächlich wirkenden Bemerkung über eine Auseinandersetzung mit „sächsischen Häuptlingen“ absieht. Inwieweit sich eine civitas-Erwähnung in einer Biographie des Bonifatius-Schülers Gregor von Utrecht heranziehen ließ, blieb ungeklärt. Wie sich in der Folge die Keramik weiterentwickelte zeigten uns die Straten, die sich mit der Mauerphase II/IIa-b verbinden ließen: die handgemachten Gefäße mit Standfuß entwickelten sich über Ei-förmige Töpfe mit sog. „Wackelböden“ zu echten Kugeltöpfen; die Zeitstellung der letzteren war aber immer nur über die Entwicklung der Randformen zu erschließen (Abb. 14). Als Ende der Büraburg wurde, allgemein akzeptiert, das 9. Jhn. angenommen, auch das eher ein Schluss aus den Schriftquellen als aus, damals noch nicht vorhandenen, archäologischen Vergleichsmöglichkeiten.

    Da ohnedies eine Renovierung anstand, war es möglich in den Jahren 1969/70 auch die Brigidenkirche (Abb. 15) nicht nur außen (wie bereits Vonderau), sondern auch innen zu untersuchen. Wie bei Vonderau wurde dokumentiert, dass der von ihm bereits entdeckte, nicht ganz in der Flucht liegende Keller unter der Ostmauer der heutigen Apsis lag (Abb. 16). Für eine davor liegende östliche Abschlussmauer der Apsis im 8. Jhn. konnte kein Beleg erbracht werden, da dies die Statik verbot. Das Verhältnis von Keller und Zisterne war nicht letztgültig zu klären. Im Inneren fand sich außer zwei nicht exakt nebeneinander liegenden Grabgruben vor dem Altar mit Skelettresten in der Apsis ein kleiner gerader Mörtelstreifen, der hinter der Postion des Altars nach Süden umbog (Abb. 17). Auch wenn dieser Befund dokumentiert wurde, spielte er bei der späteren Auswertung zunächst leider keine Rolle, denn die Ausrichtung entsprach in etwa der des erwähnten Kellers. Die Reste eines von Vonderau erwähnten „Herdlagers“ inmitten der Kirche war nicht mehr aufzufinden. Ungefähr in der östlichen Flucht der Turmmauern stießen wir damals auf die Reste eines Mauerstreifens, den wir für das Relikt des ostwärtigen Turmfundamentes oder ein Spannfundament hielten. Die Ausrichtung schien uns der von Mörtelstreifen und Keller ähnlich zu sein, war aber zu fragmentarisch, um diese Erkenntnis weiter zu verfolgen. Auch von den „fränkischen Reihengräbern“ konnten nur noch sporadische Überbleibsel 1967 aufgedeckt, und, bei der Erweiterung des Friedhofes, im Jahre 1975 kartiert werden, letztere mit einer eher südostwärtigen Ausrichtung.

 

  • 4.1. Details und Kritik

    Schon kurz nach der Publikation der Ausgrabungen 1967-1970 auf dem Büraberg (die Bearbeitung der folgenden Jahre bis 1973 war beabsichtigt wurde aber durch den beruflichen Werdegang von Norbert WAND dann aber nicht mehr auf gleiche Weise realisiert) gab es von Seiten hauptberuflich tätiger Prähistoriker JANSSEN und MILDENBERGER (1976) wie erheblich später Werner BEST (1990) und Klaus SIPPEL (1989) Kritik, von Letzterem auch an der relativ geringen Fundmenge nach 7 Jahren Grabungszeit (1967-1973). Sie ist diesbezüglich zunächst durchaus gerechtfertigt gewesen, konnte sich aber natürlich nur auf die erste, publizierte Hälfte der Grabung beziehen. Ohne Zweifel wäre auch eine neue Gliederung der Keramik und der Funde möglich, aber die publizierten Grabungserkenntnisse fußten durchweg auf dem damaligen Wissen aus den Christenberg-Forschungen. Dass sowohl dort als auch in Geismar (1973-1980) und später in +Holzheim (1976-1986) neue Daten hinzutraten, ändert nichts am damaligen Forschungsstand, der darüber hinaus von Marburg (Schlesinger, Dehn, Gensen), Paderborn (Winkelmann) und Göttingen (Jahnkuhn) ja permanent begleitet worden war. Das betrifft auch die in späteren kleineren Schriftsätzen vom Ausgräber angesprochenen Befunde im Vorgelände (Vorburg, Vorsiedlung, „canabae“), die offenbar weitgehend akzeptiert worden waren, weil sie scheinbar so gut in das Forschungsvorhaben passten, obwohl dort kein datierbares Fundmaterial erschlossen werden konnte. Die C14-Datierung eines dort in einer Grube aufgefundenen menschlichen Skelettes hätte damals noch den finanziellen Rahmen gesprengt.

 

  • 4. Grabung Sonnemann um 1999-2008

    Die von der J.W, Goethe-Universität unter der Betreuung von Prof. Joachim Hennig, früher Humboldt-Universität Berlin, durchgeführten Forschungen wurden unter Nutzung neuartiger technischer Hilfsmittel durchgeführt. Auch die Fragestellungen scheinen jetzt weniger historisch-politisch als eher pragmatisch-strukturell gewesen zu sein, denn es ging nun um die Frage, wie man sich eine Siedlungsstruktur aus Zentralort und Umgebung vorzustellen habe. Deswegen beschränkten sich die Untersuchungen auch nicht auf die Büraburg, sondern bezogen auch einige bis dahin bekannte Fundstellen oder vermutete zeitgenössische Plätze und Orte mit ein. Die zweite Aufgabe war die Überprüfung der bisherigen Keramikchronologie und die Erstellung einer neuen unter Berücksichtigung südlich und nördlich angrenzender Landschaften. Der früh- bis hochmittelalterliche Anteil der Grabung Geismar war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bearbeitet, die Holzheimer Untersuchungen noch zu neu.

    Die neuartige Prospektionsmethode, zusammenfassend als „Erdradar“ zu bezeichnen, erschloss auf dem Büraberg insgesamt mehrere Ha große Flächen innerhalb und unterhalb der Befestigung, die eigentlichen Grabungsflächen blieben aber sehr klein (Abb. 18). Die Innenfläche erbrachte durch die geomagnetische Untersuchung von Thorsten SONNEMANN zwar viele Störungen und Hinweise auf Pfosten- und andere Gruben, aber keine Strukturen, die -ohne eine Flächengrabung- eine dichte Besiedlung im eigentlichen Sinne erschließen ließen, denn ein oppidum, das einen Bischofsitz trägt oder einen Verwaltungsmittelpunkt, stellt man sich doch anders vor. Die Vorsiedlung vor dem SO-Tor erwies sich als rein prähistorisch (Abb. 19) und damit für die Zeit der Befestigung als nicht existent. Die Spuren der Grabung WAND waren in der Zwischenzeit wohl durch den Ackerbau verwischt (Abb. 20). Der Unterschied der Methoden und Ergebnisse wird durch den Vergleich mit Luftaufnahmen durch Hans Heintel, Fritzlar, aus dem Jahre 1968 deutlich. Ob die parallelen Gräben auf der Ostseite den Staffelwällen im Westen entsprechen konnten, war nicht feststellbar (Abb. 21). Da auch Sonnemann keine Vorstellung von den Urhebern, Auftraggebern, Erbauern der beiden Anlagen hatte, dachte er an lokale oder regionale Autoritäten. Eine Berechnung der Baumasse bzw. des Arbeitsaufwandes schließt m. E. aber so etwas aus.

    Die Keramik-Chronologie wurde in 4 Phasen, die sich stark überlappen sollten, untergliedert, wobei die Stufe A (Merowingerzeit 6./7. Jhn.) sich praktisch als nicht vorhanden erwies, das Argument die Knickwandkeramik sei in Nordhessen sowieso selten, wurde durch die Funde in Holzheim geschwächt. Stufe B (7./8. Jhn.) entsprach der Phase I bei WAND, die Phasen C und D laufen entsprechend bis in das 9./10. Jhn., also WAND IIa-b ff. Ob sich diese Gliederung mit den späteren Ergebnissen zur Erforschung von Ummauerung und Brigidenkirche vertragen würde, musste sich zeigen.

 

  • 5. Grabung Thiedmann 2005

    Parallel zur, nach den 1970er Jahren, neuerlichen Sanierung der Brigidenkirche bzw. -kapelle in den Jahren 2000-2008 führte das Landesamt für Denkmalpflege, Abteilung Bodendenkmalpflege (LA oder LfD) Marburg unter der Leitung des Bezirksarchäologen Andreas THIEDMANN 2005 wieder Grabungen durch. Dabei wurden im wesentlichen zwei Bereiche untersucht: Erstmals wurde im heutigen Sakristeiraum die ehemalige äußere NO-Ecke bis zur Unterkante des Fundamentes verfolgt, wobei in der Westwand eine ältere Türschwelle (also ursprünglich in den Innenhof) festgestellt werden konnte (Abb. 22). Das belegt eine Zweiphasigkeit auch in diesem Bereich. Ein publizierter Schädelfund hat man dabei im Untergrund der „Sakristei“ gefunden. Er war aber leider stratigraphisch nicht zuzuordnen und wurde auch auf andere Weise nicht untersucht. Vielleicht hätten sich ja Parallelen zu dem anderen Bestattungsrest im Westen ergeben.
    Hier fand zwischen den dickeren Mauerflanken des „Turmes“ eine erneute Ausgrabung statt, die unter der bereits seit 1970 bekannten „Spannmauer“ (s.o.) bzw. aus dem Fundamentgraben des Turmes Reste eines gestörten Skelettes freilegte (Abb. 23). Daran scheint sich nach Westen ein Fundament mit einer anderen Ausrichtung angeschlossen zu haben (Abb. 24), vielleicht der Hinweis auf eine Westapsis? Während aus einer Abbruchnarbe des Turmmauerwerkes der Bauforscher HANGLEITNER Holzpartikel bergen konnte, deren C 14-AMS-Analyse Werte von 851-1001 erbrachte, so dass man einen Bau im 10.-11. Jhn. annehmen konnte, ergab die Untersuchung der Knochen einen Wert zwischen 883 und 1037. Daraufhin publizierte man eine Datierung der Beisetzung noch in das 10. Jhn. Das Quadermauerwerk des Westteiles der Brigidenkirche verglich man 2008 mit dem Mauerwerk des Südturmes am Fritzlarer Dom, dessen Bau inzwischen in das späte 12. Jhn. datiert wird.

  • 6. Magisterarbeit Fornfeist publ. 2008/2009

    Zwischen 1999 und 2008 bearbeitete der Bauhistoriker Jan Fornfeist, Berlin, chemisch und physikalisch Mörtelproben von der Befestigung auf dem Büraberg, von der Kesterburg auf dem Christenberg, der Kapelle in Niedenstein-Kirchberg, den Resten der „Notkirche“ unter der Stiftskirche St. Peter („Dom“) zu Fritzlar und vom römischen Bühnentheater in Mainz (Abb. 26).

    Die erste Befestigung bestand aus Handquadern, die mit relativ wenig Mörtel zusammengefügt waren, die Breite von etwa 1,20 m und die Konstruktionweise erinnert an die später erschlossene Pfalz-Mauer im Meydeweg (KNEIPP 1999) von Fritzlar. FORNFEIST fand hier keinen verwendbaren Mörtel, so dass die 1. Phase der Umfassung in seiner Arbeit unberücksichtigt blieb. Die Phase IIa-b aus z. T. massiven Quadern in den Außenschalen erbrachte aber genügend Material, um mit den gebräuchlichen Untersuchungsmethoden Vergleiche durchzuführen (Abb. 27.-Abb. 28).



    Ich zitiere aus S. 287 (a.a.O): „Die Proben des Fritzlarer Doms IV/8 und IV/11 (Gruppe 3) stimmen in der Art des Zuschlags und den chemisch-mineralischen Werten mit den Proben der Gruppe 1 der Büraburg nahezu überein. ........ (Abb. 29). Demnach könnten die Bauphasen der Büraburg-Ummauerung IIa und IIb machtpolitischen Auseinandersetzungen im Ostfrankenreich und den Ereignissen der Ungarnkriege in ottonisch-salischer oder salischer Zeit zugeschrieben werden. ...... So verdichten sich die Indizien der neuesten archäologischen und naturwissenschaftlichen Forschungen, dass die Perioden der Büraburg-Ummauerung möglicherweise mit dem Ausbau/Neubau der Verstärkung erst im 10. oder 11. Jhn., vielleicht sogar erst kurz vor der Plünderung Fritzlars durch die Sachsen 1079 entstanden. Zudem liegen die beiden Objekte durch den Fluss Eder getrennt rund 3 km voneinander entfernt. Des Weiteren sind auch historische, wirtschaftliche und baustoffkundliche Verbindungen gegeben.“ Die von FORNFEIST in der Folge geforderten naturwissenschaftlichen und archäologischen Untersuchungen an der Stiftskirche S. Peter („Dom“), der Brigidenkirche und der Stadtmauer von Fritzlar sind z. T. inzwischen von Rainer HUMBACH 2005 (Dom), Katharina THIERSCH 2003 und Andreas Thiedmann 2006 (Brigidenkirche, s. o.), sowie Jürgen KNEIPP/Johann-Henrich SCHOTTEN (in Druck) angelaufen.

 

  • 7. Harm Paulsen

    In der August-Septemberausgabe 2015 der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland“ erschien ein Artikel über den bekannten Experimentalarchäologen Harm Paulsen in Schleswig. Dort schilderte er u. a. das Phänomen stark unterschiedlicher C 14-Werte für materielle Hinterlassenschaften ein und der selben Kulturstufe, in diesem Falle bei der Trichterbecherkultur. Eine dänische Atomwissenschaftlerin wusste sich auf die Abweichungen keinen rechten Reim zu machen. Paulsen experimentierte mit Keramikreplikaten, in denen er Schweinefleisch oder sog. „Friedfische“ kochte und anbrennen ließ. Die verkohlten Reste der letzteren zeigten dann überraschenderweise C 14-Werte an, die den Vorgang um fast 1000 Jahren veralterten (Abb. 30).

    Mit Harm bin ich jetzt seit 40 Jahren befreundet. Ich schrieb ihm also zunächst und gab meiner Freude Ausdruck wieder über ihn gelesen zu haben; sodann fragte ich ihn, was es denn mit diesem „Hartwassereffekt“ auf sich habe, den er dort geschildert hatte. Einige Tage später klingelte das Telephon, und ich hatte ihn am Apparat. Eigentlich wollte er mir den Aufsatz dieser dänischen Atomphysikerin schicken, aber müsse ihn aber erst einmal suchen. Wenn man seine Wohnung kennt, die in Wirklichkeit eine Werkstatt der Menschheitsgeschichte darstellt, ahnt man, dass dies nicht so bald erfolgen würde. Er erklärte mit also Folgendes: Wenn man sog. „Friedfische“ (Karauschen, Karpfen, Rotfeder, Rotaugen oder Plötzen, Schleien u. ä.) erforscht, die im Landesinneren, im Süßwasser leben, lernt man, dass sie auch Wasser mit „alten Kalken“ aufnehmen; ein Kalk, z. B. tertiären Alters, enthält mikroskopisch kleine fossile Pflanzenbestandteile, die der Fisch verdaut, und die Teilchen bringen gewissermaßen ihren uralten C14-Wert mit sich. Das führt dann automatisch zu einer erkennbaren Alterung eines Kohlenstoff-Anteils im Fischkörper. So erklärt sich eine sonst bisher nicht erklärbare Veralterung einer Probe. Auf die Brigidenkirche angewendet könnte das heißen: Gilt das nicht vielleicht auch für Holzreste, die beim Kalk brennen übrig bleiben? (Abb. 31). Das könnte bedeuten, dass die Holzkohleproben noch einmal daraufhin untersucht werden müssten.

 

  • 8. Fragen und Schlussfolgerungen

  • 8.1.Datierung der Befestigungsanlagen

    Abgesehen von den eher obskuren Hinweisen auf eine Holz- bzw. Holzerde-Konstruktion fanden wir in der, stratigraphisch nachweisbaren, Phase I Reste einer Steinmauer von 1,20 m Dicke mit relativ wenig Mörtel. Die Staffelwälle auf West- und Ostseite könnten dazugehört haben, das ist aber bislang nicht nachweisbar. Sie werden aber nach der Meinung von Prof. HENNING, HU Berlin und Frankfurt/Main als ein typisches Annäherungshindernis gegen ungarische Reiterscharen anzusprechen sein. Ähnliches finden wir auf dem Christenberg (Abb. 32). Damit befänden wir uns theoretisch in der Zeit zwischen 907 und 955 n. Chr., wahrscheinlich ist aber, wenn wir unsere Kenntnisse über König Heinrich I. genauer betrachten, die Zeitspanne kürzer (924-936) gewesen. Folglich wäre die ältere, frühmittelalterliche Anlage der Büraburg evtl. als eine der sog. „Heinrichsburgen“ anzusprechen.

    Der zeitliche Abstand der Phase II ist noch nicht ganz klar. Einmal müssen deutliche Reste der älteren Konstruktion noch zu sehen gewesen sein, andererseits gab es wohl gewichtige Gründe den Verlauf der neuen 1,80 m dicken, gut gemörtelten Mauer parallel zu planen und auszuführen. Jan FORNFEIST datiert diese Bauphase selbst in das 10.-11. Jhn., die von ihm behauptete Ähnlichkeit des verwendeten Mörtels mit dem der nach der Zerstörung der Pfalz Fritzlar 1079 errichteten „Notkirche“ dort stellt die Frage nach dem Bauherren völlig neu, denn auch das neue, pfalzgroße Areal würde dann z. Zt. der Herrschaft von Kaiser Heinrich IV. befestigt worden sein! Die Verstärkung der Ost-Mauer zu einer Art „Schildmauer mit über 2 m Stärke nach einer Reparatur eines Schadens in der Kurtine nördlich des südöstlichen, viereckigen Torturmes deutet evtl. auf ein stattgefundenes kriegerisches Ereignis. Davon berichten die bekannten Schriftquellen aber nichts, oder wir haben das nicht erkannt. Auch die Möglichkeit, die bislang 3 gefundenen viereckigen Türme überhaupt schon in die Karolingerzeit zu datieren, müsste angesichts der sonst üblichen zeitgenössischen Befestigungstechniken in Mitteleuropa noch einmal neu geprüft werden. Das gleiche gilt für die Kesterburg, wo einige architektonischen Details wie die Türme eher an die Pfalz Werla in ihrer Stauferphase erinnern.

 

  • 8.2. Überlegungen zur Geschichte der Brigidenkirche

    Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass es sich bei der Brigidenkirche bzw. -kapelle um den Bau handeln müsse, der nach der schriftlichen Überlieferung des Bonifatius den Mittelpunkt seines nach Rom gemeldeten Bistums neben Erfurt und Würzburg dargestellt haben sollte. Von Interesse war vor allem des Fehlen einer Nachricht zum Bau dieser Kirche, weswegen man davon ausging, dass es bereits eine vorher gegeben habe. Tatsächlich befindet sich im Domschatz ein Reliquienbehälter um 1400 (Abb. 33), der -in Schriftrichtung, also links vor dem einzigen Büraburg-Bischof Albuin/Witta- eine Gestalt abbildet, die als der Heilige Humbert bezeichnet wird. Von ihm ist überliefert, er sei der 1. Abt des Klosters Büraburg gewesen; im Reliquienaltar am Westende des südlichen Seitenschiffes im Fritzlarer Dom gibt es sogar ein Schädelfragment von dieser Person. Alle Bittversuche von Norbert WAND, dieses untersuchen zu lassen wurden allerdings abschlägig beschieden. Interessanterweise kommt dieser Hl. Humbert in offiziellen Heiligenverzeichnissen und im LTHK nicht vor, allerdings scheint es, zumindest im Internet (vielleicht sogar von irischer Seite), einen Hinweis auf einen „Humbert von Fritzlar“ zu geben. Das kann deswegen von Bedeutung sein, weil ja auch die Patronin der Kapelle St. Brigida (nicht zu verwechseln mit der Hl. Brigitta von Schweden) eine Hauptheilige in der irischen Kirche darstellt.

    Dass ein solcher „Abt“, auch wenn er nur zu lokalen Würden gekommen ist, natürlich auch eines Klosterbaues bedarf, ist keine Frage. Daher war es sehr interessant, als WAND in einer späteren Kampagne 1995/1999 tatsächlich noch Hinweise auf eine Klausur aufdeckte, deren erste Spuren uns ja bereits Anfang der 1970er Jahre und besonders im Herbst 1973 begegnet waren (Abb. 34). Die Besonderheit bildete wohl die Beobachtung, dass sich alle „Betriebsgebäude“, nicht wie später rund um den Kreuzgang, hier auf der Ostseite des Klosterhofes befunden zu haben scheinen (Abb. 35). In den darauf erfolgten Veröffentlichungen sprach WAND daher von einem „insularen Typus“. Das belegte für uns damals den Fingerzeig auf einen frühen Klosterbau, der irgendwie mit einer iroschottischen Missionstätigkeit -und das ist wichtig- vor Bonifatius zu tun gehabt haben könnte! (Abb. 36)

    Als nun die, von Katharina THIERSCH 2003 erstmals publizierten C14-Werte zwischen 543 und 667 bekannt wurden, folgte auf die erste Ratlosigkeit sogleich ein eifriges Studium der Quellen, sogar an Arianer hat man kurz gedacht. Es wurde auch gleich Kritik daran laut, denn diese vier Werte galten auch nicht als ausreichend und überzeugend. Es war daher sicher nicht sehr seriös aus den vier Extremwerten einen Mittelwert zu bilden, um anschließend feststellen zu können, dass dies ja der aktiven Phase der Missionstätigkeit des jüngeren Columban in Mitteleuropa entsprechen könnte (eine 2. Phase der irischen Mission finden wir erst wieder im 10. Jhn., doch das gehört eigentlich nicht hierher). Aber solange niemand etwas Besseres zu bieten hatte, betrachteten wir dies als einen Anhalt, auch wenn uns bei der Vorstellung einer solch frühen Mörtelmauer nicht besonders wohl war. Ich habe bei Führungen damals manchmal scherzhaft gesagt (und das bezog sich auf Kirche wie auf Befestigung in einer architektonischen Welt aus Holz, Stroh und Lehm): „es muss auf die Einheimischen so gewirkt haben, als ob ein Ufo gelandet wäre“.

    Die Grabungen unter Andreas THIEDMANN, die er 2006 in der Hessen-Archäologie 2005 veröffentlicht hatte, brachte erstmals neue Ansätze auf die Datierung der Kapelle.

    Das von uns 1970 als Spann- oder Wandfundament angesehen Mauerfragment entpuppte sich als eine ältere Konstruktion, wobei der sog. „Westturm“ darüber inzwischen als baugleich mit den kirchlichen Außenmauern angesehen wurde. Wenn nun der Skelettrest unter dem Mauerrest in das 9.-10. Jhn. gehört hat, und der aufgehende „Turm“ in das 10./11. Jhn., so ergäben sich völlig andere Fragen zur Baugeschichte.

    Nun kommen alte und neue Beobachtungen zusammen. Sowohl der ältere Keller als auch der schmale Mörtelstreifen innerhalb der Apsis sind leicht nach Süden verdreht. Einen trapezförmigen Chor kann man ausschließen (Abb. 37). Auch bei unserem Spannfundament hätten wir das bemerken können, haben wir aber nicht. Erst THIEDMANN erwähnte eine abweichende Ausrichtung, auch noch zur anderen Seite (Abb. 38). Dazu tritt die photographische Erinnerung an ein früher unter der Südwand des Chores vorspringendes Fundamentmauerwerk, das aber später (1972?) beseitigt worden zu sein scheint. Auch die Kopie des Original-Planes von Vonderau aus den 1930er Jahren zeigt die Abweichung deutlich (Abb. 39), sogar für einige Mauern des klösterlichen Anbaues! Nehmen wir diese, zugegebenermaßen nur kleinen Details zusammen, so ergibt sich der Hinweis auf einen älteren Bau, wobei die Anwesenheit eines Skelettrestes schon auf die Nähe einer noch früheren Kirche deuten könnte. Eigenartigerweise schloss aber Vonderaus in seinem Vorbericht (a.a.O. S. 37): „...Auch an der Nord-, Süd- und Westwand wurden in den in Betracht kommenden Tiefen keine anderen zur Kirche in Beziehung stehenden Mauerzüge gefunden als die des heutigen Baues. Aus diesen Befunden muß demnach der Schluß gezogen werden, am Büraberg hat eine andere Grundrißform als die der heutigen Kapelle zu keiner Zeit bestanden....“ Das ist eigentlich aus damaliger aber erst recht aus heutiger Sicht so nicht wahr! Wer sich ein wenig bei den Grabungen an Objekten der Ottonenzeit umtut, wird sicher auch schon auf die von Paul Grimm vor 60 Jahren aufgedeckten Befunde in Tilleda gestoßen sein (Abb. 40). Hier zeigt sich ein ähnlicher Ablauf: eine älterer kleinerer Kirchenbau aus dem 9. Jhn. und darüber ein leicht nach Norden verdrehter, größerer aus dem 10. Jhn. Das kann natürlich auch ein Zufall sein, sollte uns aber anregen, in Zukunft häufiger nach so etwas zu schauen. Allerdings fanden sich Skelettreste bei der Friedhofserweiterung Mitte der 1970er Jahre an der SW-Ecke der damaligen Friedhofs-Außengrenze, die eine ähnlich abweichende Ausrichtung zeigten.

    Nun standen ja nach wie vor die C14-Werte aus dem nördlichen Abschnitt der Ost-Mauer im Raum. Als ich vor einem halben Jahr aber das Interview mit dem Experimental-Archäologen Harm Paulsen aus Schleswig zu Gesicht bekam, schwante mir gleich, was das evtl. für Folgen haben könnte. Ich selber kann solche Versuche und Prüfungen nicht durchführen, aber angesichts der bekannten Kalkvorkommen, aus dem der Mörtel für die Mauerwerke auf dem Büraberg zubereitet worden sein muss, wäre es vielleicht doch sehr sinnvoll, diesem Hartwassereffekt nachzugehen. Es müssen ja nicht gerade 1000 Jahre sein, die die Holzkohlebröckchen in der Wand zu alt sind. Aber ein Ergebnis, das sich harmonischer in die gesamte Baugeschichte einpasst, wäre auch schon ganz schön.

 

  • 9. Was bleibt?

    Fasst man die Mosaiksteine der letzten Jahre zusammen, so ergeben sich eher viele neue viele Fragen statt Antworten. Zunächst muss man zur Kenntnis nehmen, dass die Schriftquellen zu den frühmittelalterlichen Aktivitäten auf dem Büraberg alles andere als hilfreich sind, um das mal so auszudrücken, wie das ein heutiger Politiker täte. Dass die Schriften Fredegars oder Pseudo-Fredegars nicht authentisch sind, wissen wir schon länger, aber auch die Reichsannalen des Einhard und anderer werden inzwischen von Fachleuten eher als Literatur gewertet. Auf vieles hat vor über 50 Jahren schon Prof. Schlesinger hingewiesen, aber die meisten seiner Schüler haben so weiter gemacht wie bisher, was man ihnen aber nachträglich nicht zum Vorwurf machen kann. Was bedeutet das für die Erforschung der Büraburg? Ein Ergebnis deutet sich schon an: Auf dem Büraberg findet sich nur unter großen Schwierigkeiten etwas, das sich mit den überlieferten Aktivitäten des Winfried Bonifatius irgendwie in Verbindung bringen lässt.

    Beginnen wir mit den Befestigungen auf dem Berg:
    Dass es eine ältere, ja an einigen Stellen bis in das Neolithikum, ja Paläolithikum datierbare Besiedlung auf dem Büraberg gegeben hat, dürfte nach dem jetzigen Kenntnisstand unstrittig sein. Auch die vorchristliche Eisenzeit hat Spuren hinterlassen, deren Strukturen aber -wie bei allen folgenden Phasen- nur durch aufwendige Flächengrabungen zu erschließen sein dürften. Auch Völkerwanderungszeit und beginnendes Frühmittelalter ist durch Einzelfunde belegt (z.B. Schwertknauf). Die Hinweise auf eine Datierung der Feste führen uns aber nicht in die Karolingerzeit sondern möglicherweise in die 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts. Um wie viel jünger die 2. Phase (mit Verstärkung) anzusetzen ist, bleibt noch zu diskutieren. Ob man da einfach 10./11. Jhn. sagen darf oder nach 1079, hängt auch von der historischen Forschung ab, denn immerhin würde der 2. Ansatz ja bedeuten (und da begebe ich mich auf den Boden einer Spekulation), dass Heinrich IV. nach der Zerstörung seiner Pfalz Fritzlar noch einmal eine Ersatz-Anlage hätte errichten lassen, von der wir aber bis heute nichts wissen, was um so kritischer zu sehen ist, als diese Anlage offenbar auch noch einmal in eine kriegerische Auseinandersetzung verwickelt gewesen zu sein scheint. Denn die Hessen sollen sich darin 1313 verschanzt haben, als Graf Otto „der Eiserne“ diesen vielleicht damals noch gar nicht so ruinösen Platz zu erobern versuchte. Der Übertragung der Brigidenkirche in den Besitz des St. Peters-Stiftes eine Generation später mag auch darin ihre Ursache gehabt haben. Was immer diese Befestigung war, ein oppidum, in dem Bonifatius gerechtfertigter Weise ein Bistum hätte errichten können, sicherte sie nicht.

    Da nun seit je her, wann immer das war, die Rolle der Büraburg aber als Bischofsitz eine Bedeutung für das Aufkommen des organisierten Christentums in Mittelgebirgsraum, ja in Mitteleuropa und bei dem geschichtlichen Selbstverständnis des Ortes Fritzlar gehabt haben soll, ist natürlich auch die Geschichte der Brigidenkirche resp. Kapelle St. Brigida von Interesse. Aber die Vorstellung eines frühen gemörtelten Kirchenbaues (ca. 550 bis 660 n. Chr.!) bedarf noch einer kritischen Überprüfung. Wenn wir unter Umständen einen gemauerten Keller unter einer Fachwerkkonstruktion, schmale Mörtelstreifen und eine fragmentierten Mauerkomplex im Westen, der ja immerhin schon mit einer Bestattung kollidiert ist(!) in das 9./10. Jhn. ansetzen und Teile des heute aufgehenden Mauerwerkes in das 10./11. Jhn. (Ersterwähnung einer Kirche im Mainzer Urkundenbuch 1189, als Brigidenkirche etwa 100 Jahre später), dann dürfen wir uns schon glücklich schätzen. In diesem Zusammenhang sind die Skelettfunde von Interesse, die bei der Erweiterung des Friedhofes auf dem Büraberg um die Mitte der 1970er Jahre zutage traten und ähnlich leicht nach Süden verdreht sind.

    Immerhin erinnert der Keller ein wenig an die Höhlen mit Wasserstellen unter den Kirchenbauten von Allmuthshausen (Abb. 41) und Waßmuthshausen, die ja anscheinend in das 9./10.-12. Jhn. datiert werden und damit evtl. zu einer älteren Kirche gehört haben. Darüber hinaus ergibt sich die Frage, ob diese wohl „unterirdisch“ stattgefundenen Taufen irgendwie mit dem ebenfalls in Kellerpartien durchgeführten Reinigungsriten der jüdischen Mikwen vergleichbar sind.

    Eine Chance für einen Kirchenbau der Karolinger- und damit der Bonifatiuszeit bestünde einzig darin, diese Reste noch etwas älter zu machen oder doch etwas anderes („Pfosten“-artiges) zu finden, dann würde auch das Benediktionskreuz auf dem Zisternenrand ja vielleicht auch wieder einen Sinn machen (Abb. 38, Kreuz). Der Chor über dem Keller datiert erst in das 13. Jhn., in dieser Epoche beginnt ja auch die schriftliche Überlieferung über die Brigiden-Kapelle (1289), im übrigen sehr spät für ein solches Patrozinium. Spätere Zerstörungen und Wiederaufbauphasen sind belegt.

    Das einzige, was uns tröstet ist die Tatsache, dass es sowohl auf dem Standort des Bistums Erfurt seit nunmehr über 20 Jahren (Aussage Wolfgang TIMPEL) als auch auf der Marienburg, dem angenommenen Standort des Bistums Würzburg (nach Peter ETTEL) bis heute keine Spuren der Aktivitäten des Hl. Bonifatius gibt (Abb. 42). Letzteres wird allerdings in Thüringen damit erklärt, dass dieses Bistum gar nicht in Erfurt sondern in einem kleinen Ort namens Sulzenbrücken erfolgt sein soll (mündl. Nachricht Hansjürgen MÜLLEROTT, Arnstadt). Das ist, vor allem für überzeugte Fritzlarer, nicht sehr schön, aber wir dürfen und wollen ihnen trotzdem die Hoffnung auf das Wirken des Heiligen Bonifatius und das Wissen um den Standort der Donareiche nicht nehmen.

 

Dr. phil. Johann-Henrich Schotten,
Geismarstraße 25, 34560 Fritzlar

 

 
 

Quellen und Literatur:

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Fornfeist, Jan: Mörteluntersuchungen an den Befestigungsmauern der Büraburg bei Fritzlar (Schwalm-Eder-Kreis) und ausgewählten Objekten des 4. bis 11. Jahrhunderts. Fundberichte aus Hessen 48/49 (2008/2009), 207-317.

Heintel, Hans, Luftaufnahmen im Bildarchiv Regionalmuseum Fritzlar. HH 212 1968 L17(D) 08, 1968,07.05.

Henning, Joachim, und Macphail, R. I.: Das karolingische Oppidum Büraburg: Archäologische und mikromorphologische Studien zur Funktion einer frühmittelalterlichen Bergbefestigung in Nordhessen. In: Hänsel, B. (Hrsg.), Parerga Praehistorica – Jubiläumsschr. Prähist. Arch. 15 Jahre UPA (Bonn 2004), 221-253.

Humbach, Rainer, Dom zu Fritzlar. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2005.

Kneipp, Jürgen, Hessen-Archäologie.

Mathias, Michael und Schotten, Johann-Henrich: Die mittelalterliche Keramik aus Holzheim. In: Wand 2002, 245-340.

Meiborg, Christa und Schneider, Uwe: Ein Zeugnis vergessener christlicher Bräuche? Der unterirdische Gang mit Wasserbecken unter der Dorfkirche von Homberg-Allmuthshausen, Schwalm-Eder-Kreis. Hessen Archäologie 2002, 171-174.

Schotten, Johann-Henrich: Das Ende der frühmittelalterlichen Büraburg aus archäologischer Sicht. In: Thiersch und Trosse 2008, 33-38.

Sonnemann, Thorsten: Die Büraburg und das Fritzlar-Waberner Becken im frühen Mittelalter. Mittelalter-Archäologie in Hessen, Band 1 (= Studien zur Archäologie Europas, Band 12), Bonn. 2010.

Thiedmann, Andreas: St. Brigida auf dem Büraberg bei Fritzlar-Ungedanken (Schwalm-Eder-Kreis) – neue Einblicke in die Baugeschichte. In: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Hessen Archäologie, Stuttgart 2005.

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Vonderau, Joseph: Ausgrabungen am Büraberg bei Fritzlar. Vorläufiger Bericht. In: Germania 12, 1928, 34-45.
Vonderau, Joseph: Die Ausgrabungen am Büraberg bei Fulda 1926/31. Fulda 1934.

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Wand, Norbert: Die Ausgrabungen in der Dorfwüstung Holzheim. In: Wand 2002, 49-156.