Stadtbefestigung und Kaiserpfalz.

Der mittelalterliche Stadtplan von Fritzlar.

 

 

1. Einleitung: Die Diskussion um die Entstehung Fritzlars im 6./7. oder 8. Jahrhundert.
2. Die Vorgeschichte: Die Büraburg, Missionsstützpunkt, Grenzfestung, Oppidum und Pfalz
3. Die ottonische Pfalzen: Dreihausen und Fritzlar.
4. Zerstörung 1079 und Wiederaufbau: Ein anderer Stadtplan.
5. Wachstum und Vollendung: Die nördliche Metropole.
6. Resümée: Alte und neue Forschungsaufgaben.

 
     
 
  • 1. Einleitung:
    Die Diskussion um die Entstehung Fritzlars im 6./7. oder 8. Jahrhundert.

    Die traditionelle Überlieferung sieht die Wurzeln der Stadt Fritzlar in einem Kirchen- und Klosterbau. Dabei geht man davon aus, dass der Missionar Bonifatius schon im Frühjahr 722 im hiesigen Raum gewirkt haben müsse (SCHWIND 1974,70ff.). Im folgenden Jahr soll er nach der Fällung der Donar-Eiche in der Gemarkung Geismar zunächst ein erstes oratorium (Bethaus) und dann, ein weiteres Jahr später, in Fritzlar einen ähnliche kleinen Holzbau errichtet haben. Die Tradition des Stiftes spricht von 725. Als grundrechtliche Voraussetzung nahm man eine Schenkung des ortansässigen Adels an, der sich allerdings vor allem bislang nur im Frauengrab beim "Haus Sonnenschein"/Fraumünsterstraße aus der Mitte des 7. Jahrhunderts manifestiert, in deren Nähe einst eine ehem. Vorstadtsiedlung "St. Georg" befunden haben soll, von der wir aber sonst nichts wissen. Nach der Bonifatiusvita des Willibald, folgte spätestens 732/33 eine feste Kirche mit einem kleinen Peterskloster in Fritzlar, das sein Schüler Wigbert als erster Abt weiter ausbauen sollte. Dazu trat, offenbar noch zu Lebzeiten des St.Wigbert (+737), eine Klosterschule, deren "erste Schulordnung" sich inzwischen aber als Fiktion herausgestellt hat (mündl. Auskunft Prof. Kathrein, Fulda).
    Noch in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, also zur Regierungszeit Karls des Großen, wird um 765 oder 775/82 die Umwandlung des Klosters in eine Reichsabtei und der Ausbau einer Pfalz vermutet. Diesen Ablauf der Fritzlarer Frühgeschichte hatte aus STOOB 1974,302ff. vor Augen, als er seine Interpretation des Stadtplans entwickelte und mit dem Stift als Kristallisationskern das Wachsen des Ortes bis ins späte Mittelalter zu schildern versuchte. Es wird hier meine Aufgabe sein, aufgrund neuerer Forschungsergebnisse zu überprüfen, wie belastbar diese überlieferte Entstehungsgeschichte von Fritzlar ist.

 
     
 
  • 2. Die Vorgeschichte:
    Die Büraburg, Missionsstützpunkt, Grenzfestung, Oppidum und Pfalz

    Die Errichtung der 8 ha großen zweiphasigen Befestigung hat man lange mit politischen Interessen der späten Merowingerkönige im ostrheinischen Gebiet erklärt und in das letzte Drittel des 7. Jahrhundert datiert, wo die Burg als Grenzsicherung des Frankenreiches gegen z.B. die Sachsen und als Kontrollposten der großen Magistrale ins Zentrum des Frankenreiches ("Braunauer Weg") gedient haben mag.

    Aber auch als Ausgangspunkt einer ersten christlichen Verkündigung, begonnen durch iroschottische Mönche, kulminierend in der Einrichtung eines Missionsbistums durch den Angelsachsen Bonifatius 742, hat der Ort stets große Aufmerksamkeit gefunden. Neuere Untersuchungen (THIERSCH/TROSSE/SCHOTTEN 2008) lassen zumindest für zentrale Bauteile der Brigidenkirche auf dem höchsten Punkt der Anlage auch eine völlig andere Zeitstellung von der 2. Hälfte des 6. bis in die 1. Hälfte des 7. Jahrhunderts vermuten, und man möchte das auch gerne für die ältere Bauphase der Befestigung annehmen, und dies um so eher, als Büraburg durchaus spätantike Elemente wie z.B. Kasematten aufweist. Vergleichbar sind spätrömische sog. "Irreguläre Bergbefestigungen".
    Andererseits war die frühere Vermutung, einer Aufgabe der Anlage nach der Beendigung der Sachsenkriege spätestens zur Mitte des 9. Jahrhunderts lange Zeit Überzeugung der Forschung. Eigenartigerweise lieferte die Brigidenkirche eher auch jüngere Daten aus dem 10. und 11. Jahrhundert, so dass gerade die in den Schriftquellen scheinbar am besten überlieferte Epoche, nämlich die um die bonifatianische Bistumsgründung kreisende Kirchengeschichte in der Karolingerzeit naturwissenschaftlich bislang nicht belegt ist. Dafür geben lange bekannte Befestigungselemente wie die sog. "Staffelgräben" nun Hinweise auf ein Fortbestehen der Festung bis in die Zeiten der "Ungarnkriege" (906-955).
    Bonifatius hat bei seinen Bistunsgründungen Büraburg als oppidum bezeichnet. Nun war die Büraburg nach den Ausgrabungsergebnissen zwar ohne Zweifel dauerhaft besiedelt, aber ob das in dem Maße zutraf, wie man es bei einer "Stadt" erwarten könnte, bleibt angesichts der Epoche (8. Jahrhundert) in dieser fernen Provinz zu fragen. Allein schon die Größe der Anlage machte schon immer deutlich, dass hinter ihr nur die Königsmacht stehen konnte. Dennoch hat man sich lange gescheut, die Büraburg ausdrücklich als "Pfalz" zu bezeichnen, nicht zuletzt deswegen, weil man sie keiner konkreten Persönlichkeit zuordnen konnte.
    Die neue Datierungsspanne hatte auch archäologische Folgen, denn eigentlich hätte die lange Laufzeit der Burg neben dem Fritzlar des Bonifatius und seiner Nachfolger auch einiges an gleichem Fundmaterial erbringen müssen. Es zeigte sich nun aber, dass es bislang fast keine Überschneidungen der Funde von Büraburg und Fritzlar gibt. Das kann derzeit nur bedeuten: Beide Orte haben kaum nebeneinander sondern nacheinander bestanden. Büraberg war der Vorgänger von Fritzlar, die "Pfalz Fritzlar" folgte im mittleren Drittel des 10. Jahrhunderts der "Pfalz Büraburg(?)" und gehört zeitlich damit in die Zeit der Ottonen (919-1024).

 
 

 

 
 
  • 3. Die ottonische Pfalzen: Dreihausen und Fritzlar.

  • 3.1. Topographische Lagen, Größe, Ausdehnung und Befestigung.

  • 3.1.1. Dreihausen:

    Im Kreis Marburg-Biedenkopf erhebt sich am Südrand des Ebsdorfer Grundes, 3 km südlich des Ortsteiles Dreihausen, ein Basaltrücken. Er gehört geologisch -ebenso wie die benachbarte Amöneburg- zu den Ausläufern der Vogelsberger Vulkangruppe. Die von West nach Ostabfallende Hochfläche der ovalen Erhebung misst knapp 2 ha Grundfläche undwird von einem bis heute wahrnehmbaren Ringwall begrenzt. Ein Binnenwall teilt das Gelände in eine kleinere Oberburg und eine größere Unterburg. Im Norden und Osten folgt die Umwehrung dem Steilhang der Geländekante, im Süden und Westen quert sie dagegen das im Umland flach auslaufende Relief der Hochfläche (ATZBACH, im Druck).
    Die Anlage befindet im Mittel 40-10 m über dem Tal, das Gesamtgefälle innerhalb der Mauern beträgt auf 200 m Strecke etwa 24 m (364-340 m über NN). Im Umriss wirken die "Höfe", 100 x 200 m groß, wie ein hohes Trapez mit einem einigermaßen geraden Verlauf von 1,5 m breiten Mauern und Gräben auf der West- und Südseite, also zur Hochebene hin. Richtung Abhang verläuft die Mauer eher bogenförmig, z.T. längs der Höhenlinien. Ober- und Unterburg waren durch einen ebenfalls recht geradlinige Mauer -mit Graben nach Osten- geteilt. Im Süden befand sich ein Kammer-artiger Durchlass zwischen den Burghöfen. Auf der Nordseite, ungefähr in der Mitte der Unterburg darf man ein Tor annehmen, dass einen Weg hangabwärts öffnete.
    Von der Oberburg sind 4 Gebäude überliefert, darunter ein 12 langer Keller und steinerne Unterzüge von Fachwerkbauten längs der Westmauer. Im nordwestlichen Teil der Oberburg fand sich eine kreisrunde Kapelle von etwa 7 m Durchmesser mit einer kleinen, nach NO gerichteten gestelzten Apsis, darin Reste eines Altarfundamentes und ein Brocken aus mediterranem Porphyr. Weitere Objekte wie Erdpodien, kleinen Terrassen und Dellen wurden nicht genauer untersucht. Daher ist es auch nicht bekannt, ob es z.B. Zisternen oder ähnliches gegeben hat.

 
     
 
  • 3.1.2. Fritzlar:

    Der Kern der Fritzlarer Altstadt befindet sich auf einer im Schnitt 40 m hohen tertiären Hochterrasse aus Sand-, Lehm-, Ton- und Kiesschichten, die im Untergrund teilweise von einer Buntsandsteinrippe stabilisiert werden. Diese Terrasse ist von zahlreichen Wasserrissen und kleinen Bachschluchten durchzogen, die das "Hoheberg-" und "Hellen-Massiv" entwässern. Ihr ist eine etwa 20 m niedrigere Mittelterrasse vorgelagert, an der zahlreiche Quellen entspringen (allein 17 im Bereich des späteren Ursulinenklosters).
    Als Jahre 1999 Dr. Jürgen Kneipp im Rahmen einer Baumaßnahme am Meydeweg 10 eine archäologische Untersuchung durchführte stieß er auf eine recht handquadrige Mauer mit einem breiten vorgelagerten Graben, der im Norden von einer kleineren Mauer begleitet wurde. Die Hauptbefestigung lieferte keramische Funde aus dem 10. Jahrhundert. Zusammen mit den Grabungsergebnissen des Landesamtes für Denkmalpflege Marburg aus dem Jahre 1978/79 hinter der Waage und anderen Untersuchungen Kneipps ergab sich nun auf einmal ein Anhaltspunkt, die Lage der überlieferten Fritzlarer Königspfalz erneut zu untersuchen.

    Dabei fand sich eine so überraschende Ähnlichkeit in den Ausmaßen des Plateaus zwischen den "Höfen" bei Dreihausen und dem Areal von "Oberem" und "Unterem Friedhof", dass dem nachgegangen werden musste.
    Zunächst fällt die bei beiden relativ gerade Befestigungslinie auf der Bergseite und im Westen auf. Das ist auch der Grund, warum der Plan hier seitenverkehrt aufgelegt ist. Verlängert man in Fritzlar die Mauer auf der Nordseite des Meydeweges bis in den Bereich der Fischgasse noch Osten und bis zur östlichen Häuserzeile nach Westen, so ereicht man die Länge der Höfe. Die gerade oder gerundete Umbiegung im Westen und Osten reicht bis in die Nähe der Terrassenkante. Ein erster Profilschnitt von West nach Ost zeigt den Unterschied der Kellerhöhen zwischen dem Inneren (Haus Diederich/Betz) und dem Äusseren (Keller Simshäuser) im Westen und dem Keller Matthäi im Osten. Auch die Unterteilung in Ober- und Unterburg ist, zumindest was den Graben angeht, durchaus vergleichbar. Den letzten Rest dieses Befestigungselementes stellt die sog. "Löwengrube" dar, in die später das Gebäude des Stiftssaales, die "Waage" des 13. Jahrhunderts hinein gebaut worden sind. Ob beim Verlegen der neuen Abwasserleitung der Graben erneut geschnitten worden ist, werden die diesbezüglichen Dokumentationen von on Jürgen Kneipp zeigen.


 
     
 
  • 3.2.2.1. Oberburg. Pfalzkapelle und andere Baulichkeiten.

    Bereits auf einer Skizze des Landrates Weber aus den 1860er Jahren werden einige "Keller" vermerkt, die an vergleichbarer Stelle ähnlich verlaufen wie die Fachwerkunterzüge in Dreihausen. Am verblüffensten ist aber die Lage der möglichen "Pfalzkapelle". Nach allen uns bekannten Überlieferungen befand sich auf dem Platz des jetzigen evangelischen Dekanates bis gegen 1850 eine "Johanniskapelle", über deren Größe und Aussehen wir nur Vermutungen anstellen können, da sie selten zeichnerisch dokumentiert worden ist. Lediglich bei DILICH 1605 und MERIAN 1646 erkennt man westlich der Peterskirche ein relativ niedriges O-W gerichtetes Gebäude mit Satteldach und zentralem spitzem Dachreiter. Wie eine Begehung mit Alfred Matthäi belegt, die der Vortragende vor einigen Jahren im Kellergeschoss des heutigen Hauses durchführte, gibt es in den heute zugänglichen Räumen keinerlei Baureste der Vorgängerarchitektur mehr. Wie man auch heute noch erkennt, lag die "Johanniskapelle" an praktisch der gleichen Stelle in der Oberburg, wie jene Rundkapelle in Dreihausen.
    Jürgen Kneipp entdeckte während der baubegleitenden Untersuchungen bei der Neuverlegung der Abwasserleitungen vor einigen Jahren in der Trasse 2 sorgfältig gemauerte Brunnen, einer mit 2,20 m Innendurchmesser. Das spricht für einen hochrangigen Auftragsgeber. In Dreihausen wird man, wegen des schon erwähnten Basaltuntergrundes, eher mit einer Zisterne zu rechnen haben.

 
     
 
  • 3.2.2.2. Unterburg. Lagerplatz und Stiftskirche.

    In der Unterburg von Dreihausen haben die, allerdings nur Stichproben-artigen, Grabungen keine erkennbaren Strukturen ergeben, wenn man von Grabenresten vor der Zwischenmauer und anderen Eindellungen absieht. Weitere Untersuchungen von Kneipp haben in Fritzlar dagegen die Reste eines lang benutzten ("unteren") Friedhofes mit gegliederten Bestattungen erbrecht. Neben ein oder zwei Gruben-artigen Verfärbungen aus älteren Schnitten konnte Kneipp, wie in Dreihausen, keine architektonischen Spuren dokumentieren. Am ehesten vergleichbar ist die Tatsache, dass das Nordtor der Unterburg sich ungefähr bei beiden Anlagen an der gleichen Stelle befindet, in Fritzlar wäre die der Bereich westlich des späteren Amtshauses.
    Und damit wären wir bei den Unterschieden: Wenn HUMBACH (s.u.) dieses Gebäude als das ursprüngliche Vogteigebäude des Stiftes interpretiert, mag es dieses, oder einen Vorgängerbau aus verwaltungstechnischen Gründen schon im 11. Jahrhundert gegeben haben. Das ist seinerzeit (um 1960) leider archäologisch nicht untersucht worden, und die Optionen sind noch offen. Das eigentlich Besondere ist aber der Kirchenkomplex, der traditionell die Priorität am Ort beansprucht.

 
     
 
  • 3.2.2.3. "Bonifatius-Kapelle" und "Wigbert-Kirche".

    Innerhalb des Stiftes war die eigene Herleitung vom Kloster des 8. Jahrhunderts stets ein Teil seines Selbstverständnisses. Auch die ältere Forschung ging immer davon aus, dass mit dem Platz des frühmittelalterlichen Bethauses und des ersten Klosters im 8. Jahrhundert die Stelle der späteren Stiftskirche, des heutigen Domes identisch ist, wie es JESTÄDT 1924,6ff. nach den Ausgrabungen von BECKER 1916 bekräftigte. Doch mit der neuerlichen Untersuchung am Ende der 1960er Jahre (OSWALD 1974) bot sich auf einmal ein anderes Bild: keine der 2 gefundenen Vorgängerkirchen, die durch eine Brand- und Schuttschicht voneinander getrennt übereineinander lagen, waren als das überlieferte bonifatianische oratorium oder Wigberts Klosterbau anzusprechen. Das wurde vor wenigen Jahren noch einmal bestätigt (HUMBACH 2005, 113ff.). Was für eine Kirche war es aber nun, die zuunterst gefunden worden ist?

 
     
 
  • 3.3. Exkurs I: Die Zeit Kaiser Otto III und Heinrich II.: Stiftung des Hochadels und hochadeliges Chorherrenstift. Helmarshausen und Fritzlar.

  • 3.3.1. St. Peter zu Fritzlar:

  • Wenn wir den Grundriss seit BECKER betrachten sehen wir einen mindestens 23 m langen Kirchenbau mit gestelzter Westapsis vor uns (more romano, nach dem Vorbild des Vatikans in Rom), dessen Ostende (wahrscheinlich ebenfalls mit einer Apsis) durch den späteren Kryptenbau beseitigt worden sein wird. In dem nach Norden ausgreifenden Mauerverlauf vermeinte man ein Querhaus zu erkennen, das, symetrisch ergänzt, immerhin zu einer Gesamtbreite von 25 m geführt hätte, nur 2 m weniger als die heutige Kirchenbreite. Sicher ist dies jedoch nicht.
    Für die Datierung schwanken die Fachleute zwischen dem späten 8. Jahrhundert (774 als terminus post quem) und der Ottonenzeit.
    Die Erstnennung des Stiftung im Jahre 1005, also schon in der Regierungszeit Heinrich II., findet sich in der Lebensbeschreibung des Hl. Godehard, dessen Reformation der Ordensregeln in Hersfeld zahlreiche Mönche hochadeliger Herkunft ablehnten, worauf sie sich, nach Ablegung des Mönchsgewandes, als nunmehr einzeln lebende Chorherren nach Fritzlar begaben. In der bisherigen Forschung wird ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass das nun zur Stiftkirche gewordenen Gotteshaus zuvor die Kirche des bonifatianischen Benediktinerklosters gewesen war (SCHULZE 1974, 146 schreibt immerhin: "...sehr wahrscheinlich..."). Aber das geht aus dem Text gar nicht hervor. Es könnte sich bei diesem Kirchenbau also durchaus auch um eine neuere Architektur gehandelt haben.
    Dazu gibt es einen interessantes Vergleichsbeispiel: Im Jahre 997 stiftet, nach der lokalen Überlieferung, das adelige Paar Aekkihardus und Machthilda aufgrund ihrer Kinderlosigkeit ein Peters-Kloster auf eigenem Grund und Boden in Helmerateshusa/Helmarshausen. Eine geschönte Information nennt den Ort oppidum (wohl äußerstenfalls eine befestigte Marktsiedlung neben der Diemelfurt). Ein Diplom Ottos des Großen spricht etwas realistischer von curtis in villa, also einem Königshof in diesem Dorf. Am 21. April 1000 verleiht Kaiser Otto III. dem Kloster die gleichen Rechte wie Corvey und anderen Reichsklöstern. Helmarshausen wird also Reichsabtei.
    Legt man die Grundrisse der beiden Peterskirchen neben- oder aufeinander, so wird ihre Verwandtschaft nicht wirklich zu leugnen sein. Dabei sind die Größenverhältnisse nicht so erheblich unterschiedlich, wie es zunächst scheint: Die Breite der Klosterkirche in Helmarshausen betrug etwa 22 m, die der ältesten nachweisbaren Kirche in Fritzlar, wieerwähnt, 25 m, so dass nicht unbedingt ein West-Querhaus vermutet werden muss. Lediglich der Apsiden unterscheiden sich. Da wir die Bauzeit der Kirche an der Diemel in etwa kennen, kann vielleicht die Errichtung des ersten größeren Fritzlarer Gotteshauses auch in diese Zeit gesetzt werden, während der die Kaiser Otto III. (+1002) und Heinrich II. (+1024) geherrscht haben. Letzterer spielt bekanntlich als möglicher Schenker des großen sog. "Heinrichkreuzes" eine Rolle, vielleicht eine Art "Morgengabe" an das neue Chorherrenstift, was allerdings jüngst bestritten wurde.

 
     
 
  • 4. Zerstörung 1079 und Wiederaufbau: Ein anderer Stadtplan.

  • 4.1. Politische Situation und Besitzerwechsel.

  • 4.1.1. Die Salier und die Reichskirche.

  • Unter Kaiser Heinrich III., dem Sohn des glückhaften Kaiser Konrad II., unter welchem sich die Bezeichnung Imperium Romanum für das ganze Reich durchgesetzt hatte, begann ab 1040, dem Jahr, als er zum ersten Male in Fritzlar weilte, eine sehr ereignisreiche Zeit, die einige Konflikte mit Polen, Böhmen und Ungarn sah, welche aber letztlich gut ausgingen. Auch die Befriedung von Burgund und Lothringen gelang ihm nach einigem Einsatz. Im Jahre 1046 zog er nach Italien und griff mehrfach in die Belange der römischen Kirche ein, in dem er Päpste ab- und einsetzte, um der Korruption in der im wesentlichen vom stadtrömischen Patriziat geprägten Kurie entgegen zu treten. Weihnachten 1046 erhob ihn der Papst Clemens II. (ehedem Bischof Suitger von Bamberg) zum Kaiser. Zugleich erhielt er den golden Stirnreif des patricius und damit das Recht des Primats bei der Papstwahl. Obgleich er sich von nun an in kirchlichen Dingen eher zurückhielt, befand er sich bei seinen Besuchen in Fritzlar im Dezember 1046 und im August 1047 auf dem Höhepunkt seiner Macht, auch der über seine Reichskirche.
    Das deutlichste architektonische Denkmal für diese Epoche bildet die schon erwähnte "Johanniskirche" im nordwestlichen Bereich der Oberburg. Der Höhenunterschied von ca. 3 m zur Stiftskirche in der Unterburg macht auch symbolisch deutlich, wie die späten Sachsenkaiser (z.B. Otto III. als Sohn der griechischen Theophanu) und die Salier bis Heinrich III. ihre Position gegenüber der römischen Kirche verstanden. Sie erinnerte wohl nicht ganz zufällig an die des byzantinischen Kaisers über die Ostkirche. Unter seiner Herrschaft gelangten im Reich vor allem Vertrauenspersonen des Herrschers auf wichtige Kirchenposten z.B. Bischofssitze (Investitur), die in sprituellen Dingen nicht unbedingt immer ausreichend kompetent waren. Das führte vor allem bei den reformwilligen Kirchenkreisen, die ursprünglich, wie z.b. Odilo von Cluny und der Mönch Hildebrand (später Papst Gregor VII) eher als Parteigänger Heinrich III. anzusehen sind, zu einer Situation, die eine Generation später im Investiturstreit eskalierte.


    Die Gestalt der Fritzlarer Pfalz um die Mitte des 11. Jahrhunderts weist nicht nur Ähnlichkeiten mit der von Dreihausen auf. Es gibt noch eine weitaus berühmtere Parallele, nämlich die Königspfalz auf der Insel Reichenau im Bodensee, genauer gesagt in Mitterzell. Auch wenn der Komplex um 1800 abgerissen worden ist, wie die meisten der ursprünglichüber 30 Kirchen dort, so zeigen doch alte Gemälde und heutige Reste im Landschaftsbild verblüffende Übereinstimmungen bis hin zu den Maßen.


 
     
 
  • 4.1.2. Kaiser Heinrich IV. und seine Konflikte.

    Heinrich III. verstarb 1056, sein Sohn erlangte seine Königswürde im Alter von 6 Jahren, und es ist anzunehmen, dass seine Bevormundung durch seine Mutter, die Kaiserin Kunigunde, und die Großen des Reiches ihn verunsichert/traumatisiert hat und schließlich zu einem schwankendem politischen Kurs führte und ihn in Konflikte mit alten und neuen Mächten führte. Selbst aus harmlosen Gunsterweisen wie dem Geschenk des Klosters Malmedy an seinen geistlichen Erzieher Erzbischof Anno zu Köln wurde eine hochpolitische Peinlichkeit. Sein Versuch die erfolgreiche Reichskirchenpolitik seines Vaters fortzuführten scheiterte an Ungeschicklichkeiten und löste schließlich mit den Investiturstreit aus, der seine ganze Regentschaft belastete. Dem damals schon sehr hochentwickelten politischen Intrigenspiel war er nicht gewachsen. Wollte er Stärke zeigen, wie gegen die Sachsen, beschwor er gar kriegerische Reaktionen hervor und gefährdete seine Stellung, sein Leben und das seiner Getreuen.

 
     
 
  • 4.1.3. Ein Platz für die Erzbischöfe von Mainz.

    Nach allgemeiner Ansicht ist unter Kaiser Heinrich IV. Fritzlar an das Erzstift Mainz übergegangen. Als wahrscheinlichster Zeitpunkt gilt der Mai 1066, als Heinrich auf seinem Weg von Utrecht über Dortmund nach Hersfeld in Fritzlar schwer erkrankte, und Erzbischof Siegfried von Mainz (1060-1084), der Erzkanzler, welcher sich nachweislich im Gefolge befand, die Situation "auszunutzen" verstanden haben soll, wobei ihm zugute kam, dass die Krankheit des jungen Kaisers wegen einer politisches Fehlers allgemein als "Gottesgericht" aufgefasst wurde. Ob damals Pfalz, Stift und eine bisweilen vermutete, aber bislang nicht wirklich nachweisbare Marktsiedlung (in diesem Zusammenhang wäre eine Bezeichnung für 1066 als oppidum bemerkenswert) im gleichen Rechtsgang an Mainz gegangen sein könnten, oder das ganze nicht eine Legende ist, wird seit langen kontrovers diskutiert. Seit dem 11. Jahrhundert gab es Münzprägungen am Ort, ohne dass der Münzherr immer eindeutig zu bestimmen ist; es könnte also auch der König oder das Stift gewesen sein. In einem Falle ist aber der Erzbischof Siegfried gesichert. Die Pfalz wird man danach dennoch eher in Königshand vermuten dürfen, da Heinrich IV. am 22. März 1074 hier geurkundet hat, und die aufständischen Sachsen für diesen Ort eine Fürstenversammlung zur Absetzung des Kaisers planen konnten. Auch für dieses Jahr sind in Zusammenhang mit den folgenden politischen Verwicklungen, genauso wie für April 1078, Februar und Juni 1079 weitere hochrangige Ereignisse vorbereitet worden, wie sie nur an königlichen Orten veranstaltet werden konnten (SCHLESINGER 1974, 111ff.).

 
     
 
  • 4.2. Die Zerstörung.

    Der Angriff, die Eroberung und die Verwüstung der Pfalz Fritzlar mit allen ihren Einrichtungen durch den Gegenkönig Rudolf von Schwaben wird für die zweite Jahreshälfte 1079 angenommen. Den Grund dafür sieht man heute in dem politischen Seitenwechsel des Mainzer Erzbischofs im Oktober 1076. Heinrich IV. hatte offensichtlich den Platz wieder an sich gerissen, vielleicht nicht zu Recht aber in der Realität, denn Fritzlar hatte auch bisher einen der Hauptstützpunkt im Kampf gegen die aufständischen Sachsen gebildet. Ganz offensichtlich sollte die Position des Kaisers in einer entscheidenden Phase der Auseinandersetzung geschwächt werden (GOCKEL 1974, 113). In den Annales Patherbrunnenses, wohl aus dem 12. Jahrhundert, heisst es: "Ebenso gab es einen Feldzug durch ihn (König Rudolf) nach Hessen, bei dem Fritzlar zusammen mit dem Kloster, das der St. Bonifatius erbaut hat, verbrannt wurde".
    Die Zerstörung muss wahrhaft total gewesen sein und ließ sich selbst mit in "Schutt und Asche legen" nur unzureichend beschreiben. Ob die Schilderung des Heinrich-treuen neuen Erzbischofs Wezilo von Mainz (1084-1088) von unmittelbarer Anschauung direkt nach der Katastrophe 1079 herrührte oder erst ins Jahr 1085 zu datieren ist, in dem Heinrich IV. erneut in Fritzlar weilte, ist heute schwer zu entscheiden. Es heisst dort: "Ich wünsche bekanntzugeben, dass ich, als ich in den Ort kam, der Frideslar genannt wird, das Kloster von den Sachsen niedergebrannt aufgefunden habe, die Befestigungsmauer völlig zerstört vorfand, und fast den ganzen Ort von verbrecherischen Räubern durch Brandstiftung und Massenmord entstellt/verwüstet (confusum) erblickte". (Übers. Elfriede Grein 18.06.2009)
    Die nach Wigand Gerstenberg zitierte Formulierung "unde verbrante die stad mit sent Bonifacius monster" darf man nicht auf die Goldwaage legen. Gerstenberg interpretierte möglicherweise ein unbekannte Quelle, in welcher Fritzlar als "urbs" bezeichnet wurde. Dieser Begriff bedeutete eigentlich und ursprünglich "Burg" wurde aber später auch auf ummauerte und damit befestigte Städte angewandt. Am deutlichesten wird dies bei dem Ausdruck "Bürger" für einen Stadteinwohner mit seinen Rechten, der eigentlich in einer "Burg" "geborgen" ist. Gerstenbergs verschiedentlich kolportierte Behauptung der Existenz einer Marktsiedlung oder gar Stadt Fritzlar in Nordhessen scheint für das letzte Drittel des 11. Jahrhunderts immer noch sehr mutig. Das wäre außerhalb der Grenzen des antiken römischen Einflussgebietes weit über die Realität hinaus gegangen und ist auch nach Wezilo nicht wirklich zu belegen.

 
     
 
  • 4.3. Der Wiederaufbau.

  • 4.3.1. Die "Johanneskapelle", die "Notkirche" und das spätere Vogteigebäude/Rathaus.

  • Wir haben gesehen, dass sich die "Johanniskirche" auf der etwa gleichen Position befunden hat wie jene Rundkapelle auf der Oberburg der "Höfe von Dreihausen". Wir vermögen nicht zu sagen, ob und wie sie die Verwüstung 1079 überstand. Selbst ein evtl. neuer Bau ist später graphisch nur oberflächlich dargestellt worden. So bleibt nur die ungefähre Größe der Stelle, repräsentiert durch das aktuelle Gebäude.
    Offenkundig waren nach der Zerstörung kaum noch irgendwelche Strukturen zu erkennen. Das belegt den Hass und die Verbitterung der damaligen Auseinandersetzung. Die Befestigung ließ sich wohl noch in Spuren zu verfolgen. Aber selbst die für damalige Verhältnisse nicht unbedeutende Stiftskirche St. Peter in der Unterburg scheint nur noch einen diffusen, unbegrenzbaren "Müllhaufen" dargestellt zu haben.
    Sehr bald (schon 1079 oder doch erst 1085) beginnt jedoch der Wiederaufbau im Bereich der ersten Stiftskirche. Über einer archäologisch nachgewiesenen Brandschicht errichtete man einen nun relativ bescheidenen dreischiffigen Bau von mindestens 20 m Länge und etwa 12,5 m Breite; auf einem Fundamentstreifen von 0,50 m wird man eher eine Fachwerkkonstruktion vermuten dürfen. Diese "Notkirche" (HUMBACH 2005,24 spricht von "Notbau") zeigte neben ihrer für eine Nachfolgekirche ungewöhnlich geringen Dimension noch eine weitere Merkwürdigkeit: ihre Achse war leicht nach Norden verdreht, um einige wenige Grad (ca. 2,5-4 Grad) zwar nur aber erkennbar. Das ist zum einen ein Hinweis auf den chaotischen Zustand des Trümmerfeldes, zum anderen liegt der Gedanke nahe, diese Verschiebung könne sich in dieser Phase auf irgendetwas anderes beziehen.
    Schaut man sich nach evtl. noch aufrecht stehende Ruinen in diesem Bereich der Unterburg um, so stößt man auf einen ebenfalls bekannt alten Bau im Norden: das ehemalige Vogteigebäude und heutige Rathaus, dessen 900 jährige Ersterwähnung, wir kürzlich gefeiert haben! Die Längsachse dieses Bauwerkes, jedenfalls in seinem südlichen und älteren Teil ist gleichfalls um einen ähnlich geringen Wert nach Norden verdreht. Sollte es sich bei diesem Gebäude ursprünglich wirklich um das „Vogteihaus des Stiftes" gehandelt haben (HUMBACH 2005,18), so ist nicht auszuschließen, dass es erheblich älter als seit 1209 bestand, denn das Stift musste ja schon über 100 Jahre länger verwaltet werden. Vielleicht hatte ja diese massive Baulichkeit tatsächlich Zerstörung von 1079 zumindest in Resten überstanden.
    Was aber sollen zwei Baukörper miteinander zu tun haben, nur weil sie in 90 Grad zueinander stehen?

 
     
 
  • 4.3.1.1. Exkurs II: die "Göttliche Ordnung" und das übrige Leben.

    Daher sei an dieser Stelle ein kleiner Exkurs erlaubt. Während meiner Ausgrabungen im Zisterzienserinnen-Kloster Haydau in Morschen fiel mir auf, dass nur die Kirche mit ihrem nördlichen Kreuzgangast sowie der Ost- und der Südflügel der Klausur in rechtem Winkel zueinander standen. Hier befanden sich Schlaf- und Speisesaal, Küche und Versammlungsraum sowie die Bibliothek und andere Funktionsräume, die nur von den eigentlichen Nonnen genutzt wurden. Der Westflügel hingegen war der Bereich der sog. "Minderbrüder" (oder "-schwestern") gewesen, bei den Zisterziensern "Konversen" genannt, die ursprünglich gewissermaßen für "Gottes Lohn" die meiste körperliche Arbeit zu erledigen hatten. Ihr "geistiger Stand", so fern sie überhaupt einen hatten, war erheblich niedriger als der der Mönche ("Patres") oder Nonnen.
    Die anschließende Durchsicht entsprechender Literatur zeigte eine im Hochmittelalter häufig vergleichbare Bauweise solcher Einrichtungen (BINDING/UNTERMANN 1985; SCHNEIDER 1986, 392). Sofern dies nicht durch die Topographie bedingt war, in Vorgängerbauten oder technischem Unvermögen seine Ursachen gehabt hat, muss dies Absetzen der "weniger spirituellen" Bereiche vom rechtwinkligen Ordnungsschema bewusst gewählt worden sein. Die weltliche und geistliche Obrigkeit (nach göttlichem Gesetz) bemühte sich um eine entsprechende geometrische Ordnung, das weltliche Leben ging seinen eigenen Weg.

 
 

   


   


 
     
 
  • 4.3.1.2. Vom Provisorium zum Neubau.

    Wie lange diese Konstruktion in Fritzlar Bestand hatte, wissen wir nicht. Angesichts der Tatsache, dass bereits 1115 eine große Fürstenversammlung stattfand, und der päpstliche Legat Kuno von Präneste 1118 am Ort eine Generalsynode geleitet hat, möchte man bereits eine Nutzbarkeit des sog. "Bau I" annehmen. Das würde andererseits aber nur eine kurze Lebenszeit der kleinen "Notkirche" bedeuten, der spätestens 1090 der Beginn des Kirchenbaues "I" in der aktuellen Dimension gefolgt sein dürfte (HUMBACH 2005, 113f.).

 
     
 
  • 4.4. Das neue Straßennetz.

  • 4.4.1. Der erste Markt "Zwischen den Krämen", Verlauf und Anschlüsse.

  • Die Pfalz und ihre Befestigung wurden anscheinend nicht wieder aufgebaut. Der Westgraben wurde an einigen Stellen, wie andernorts (z.B. Waage) bequemlicherweise mit Kellerkonstruktionen gefüllt. Der beste Beleg dafür bildet ein Säulenkapitell unter dem Gebäude der Fam. Simshäuser. Die Knospe in der ausgekehlten Kapitellecke erinnert an ein österreichisches Beispiel in St. Pantaleon (NÖ), das um 1100 n. Chr. datiert wird. Wie unübersichtlich das Gelände der zerstörten Pfalz gewesen sein muss, zeigt die Anlage der ersten neu angelegten, wohl zentralen Trasse, deren Reste wir heute noch unter dem Namen "Zwischen den Krämen" (den "Kramläden", den Ladengeschäften) kennen. Ihr Verlauf von SW nach NO nimmt keinerlei Bezug zu den Ausrichtungen von "Notkirche" und Stiftsvogtei (dem späteren Rathaus), weil das -wie oben angeführt- durch ihren nicht obrigkeitlichen Rang auch nicht nötig ist. Die neue Achse scheint auch keinen inhaltlichen Bezug zur ehemaligen Pfalz zu haben, ihr Verlauf nach SW (heute Richtung "Rittergasse") mag man aber als Hinweis darauf verstehen, dass der Weg im Ursprung vielleicht zwei ehemalige Tore der untergegangenen Pfalz verbunden haben mag (im Bereich der heutigen "Marienburg" einerseits und im Bereich des Vogteigebäudes andererseits), was dann archäologisch zu überprüfen wäre.

    Nach NO können wir der Achse längs der heutigen Spitzengasse ungestört weiter folgen, da der Nord-Flügel des Rathauses wohl erst im Verlauf des 13. Jahrhunderts entstanden und bis zum 15. Jahrhundert weiter umgebaut worden ist. Der aktuelle Marktplatz existierte zu dieser Zeit noch nicht. Auch die Löwenapotheke (heute Haddamargasse/Kasseler Straße 1) und das Haus Mette (heute Haddamargasse/Kasseler Straße 2) sind zu streichen, und der weitere Straßenverlauf findet sich in der späteren Judengasse/Martinsgasse. Spätestens der Platz am Jordan schließlich markiert den Bereich einer ehemaligen Siedlungsgrenze, evtl. mit einem Tor, denn die Flucht der Straße fand sich auf älteren Plänen noch in der Feldmark wieder. Die Bebauung mit einer Handwerkersiedlung ist nach den Grabungsergebnissen des Archäologen Robert Heiner, Marburg, erst ab dem frühen 13. Jahrhundert nachweisbar.

    Was bedeutet dieser, heute weitgehend verunklarte Straßenverlauf? Zunächst wird deutlich, dass eine erste geplante Marktsiedlung frühestens gegen das Ende des 11. Jahrhunderts angenommen werden kann, denn dieser zentrale gassenförmige "Marktplatz" war erst nach dem Ende der Pfalzanlage denkbar. Übrigens handelte es sich dabei durchaus nicht eine seltene Konstruktion früher Handelsplätze: wir finden sie als "Breiten Weg" in Magdeburg, als "Langgasse" in Danzig, als "Zeil" in Frankfurt, oder ganz extrem: im heute tschechischen Ort Straž an der böhmischen Grenze, wo die eine breite Marktstraße nicht nur den Ortsnamen bestimmte sondern noch heute von einem Stadttor quer zu dem gegenüber liegenden verläuft. Diese urtümliche Marktform war mehrere Generationen älter als die späteren sog. "Ringe" im mittel- und ostdeutschen Siedlungsraum.
    Während nun der NO recht gut verfolgbar ist, besteht zum weiteren Verlauf des Zuganges von der Ederau zum SW-Tor Diskussionsbedarf. Böge man in der "Rittergasse" nämlich nicht in die Treppenanlage des "Ziegenberges" gelangte man in fast direkter Linie durch den "Halben Hof" und außen an der späteren NW-Mauer der Neustadt vorbei und stieße auf den unteren, äußeren Teil der "Holzgasse", heute "Neustädter Straße", die hier einen scheinbar unerklärlichen Knick macht. Ob ein solch steiler Aufstieg im Früh- und Hochmittelalter zumutbar war, müsste man an vergleichbaren Burgtopographien dieser Zeit klären.

 
     
 
  • 4.4.2. Die Lage der älteren Straßenspinne. Straßenverläufe und Grabungsergebnisse.

    Nun ist es offenkundig, dass sich die Marktsiedlung nicht nur in die Länge entwickeln konnte, sondern natürlich auch, nicht zuletzt aus Gründen der Sicherung und der Wirtschaftlichkeit einer gewissen Tiefe bzw. Breite bedurfte. STOOB hatte seinerzeit auf seiner bekannten Interpretation des Stadtplanes ein Areal markiert, wobei er mit einer Ausnahme davon ausging, dass sich die Straßenverläufe bis in die Neuzeit kaum verändert hätten. Allerdings ließ er die Schilderergasse direkt auf die "Krämen" stoßen, wobei seine Hypothese voraussetzte, dass er einen Zustand vor dem 14. Jahrhundert (dem Bau des Steinhauses Iwan) beschreiben wollte.
    Etwas komplizierte ist wohl die Geschichte der Münsterstraße, die ihren Namen von der Fraumünsterkirche erhielt, deren frühes Siedlungsumfeld bis heute völlig ungeklärt ist. Man kann davon ausgehen, dass sie ursprünglich direkt auf die Pfalz, insbes. das Stift in der Unterburg zulief. In ihrem oberen Abschnitt zeigt sie aber eine eigenartige leichte Wendung nach Norden, die sie zum Gegenstück der Schilderergasse macht.
    Eine vergleichbare Ausrichtung finden wir noch in einem kleinen Abschnitt der ehem. "Zansgasse"/Hintergasse. Als nun vor einigen Jahren die Seniorenresidenz "Kaiserpfalz" nördlich dieser Gasse errichtet wurde, fand der schon erwähnte Ausgräber Robert Heiner die Reste einiger eingetiefter Häuser ("Grubenhäuser"), die tatsächlich nicht von West nach Ost sondern von NW nach SO ausgerichtet waren! Wir müssen also davon ausgehen, dass noch eine ganze Weile Straßenzüge direkt auf die Marktachse "Zwischen den Krämen" zuliefen, die heute nur noch archäologisch nachweisbar sind. Andere Gassenabschnitte wie der nördliche der "Lurlochgasse"/Lierloch lassen noch das ursprüngliche Ziel ahnen.
    Das gilt auch für die Befestigung der damaligen Marktsiedlung. Dechant JESTÄDT 1924,43, erwähnt, dazu passend, eine Erstnennung der Ummauerung für 1127. Das scheint realistischer als 1079, führt aber nicht viel weiter, da er seine Quelle nicht nennt. An einigen Stellen kann man den Umriss des Ortes noch ahnen. STOOB vermutet bereit in Höhe der heutigen Martinsgasse 6 eine frühe Befestigung um 1120 (die er sich allerdings ohne Tor dachte). Einige Merkwürdigkeiten bei den Grundstückgrenzen des 19. Jahrhunderts lassen auch an der Schilderergasse an einen entsprechenden Mauerverlauf mit einer Torsituation denken. Tatsächlich beobachtete der Verfasser vor einigen Jahren während der Tiefbaumaßnahmen in der Höhe Schildererstraße 16/18 eine ungewöhnliche Häufung großer, teilbearbeiteter Basaltbrocken, die auf eine ehemalige Baulichkeit in diesem Straßenbereich hindeuteten.
    Ähnlich ist ein größerer Sandsteinblock zu beurteilen, welcher sich heute im südlichen Fachwerkfundament des Hauses Roland in der sog. "Kaisergasse" findet. Auch er muß früher ein Teil der älteren Befestigung gewesen sein, ohne dass dies näher einzuordnen wäre. Bei den Toren sind zu diesem Zeitpunkt immer noch keine Zug- sondern Erdbrücken anzunehmen; die Türme und Bastionen wird man sich mit eckigem Grundriß vorzustellen haben. Ihre Reste können daher durchaus noch in den Kellern und Erdgeschossen heute unauffälliger Wohnhäuser verborgen sein.

 
     
 
  • 5. Wachstum und Vollendung: Die nördliche Metropole.

  • 5.1. Die Rückkehr zur alten Ausrichtung

  • Man kann nun versuchen den Zeitraum einzugrenzen, in welchem das ältere Straßennetz durch das bis heute gewohnte wieder abgelöst worden ist. Eigentlich hätten die Aufräumungsarbeiten schon gegen 1100 weit gediehen sein müssen, da man in der Lage war, nach der "Notkirche" den späteren "Bau I" (1. Phase des heutigen Domes) genau in der Achse der ältesten Stiftskirche zu beginnen. Andererseits muß es längs der zeitweiligen Marktachse schon so viele und einflussreiche Handwerker- und/oder Kaufmannsfamilien gegeben haben, dass diese Flucht aus "Zwischen den Krämen" und der "Spitzengasse" nicht so einfach zu beseitigen war. In einem Bericht über die Synode vom 28. Juli 1118 wird Fritzlar erstmals als civitas bezeichnet, die Niederschrift selber stammt allerdings von 1208, eine erste urkundliche Nennung aus dem Jahr 1180. Die ältesten archäologischen Funde aus der ehem. "Geismargasse"/Am Hochzeitshaus verweisen in die Stauferzeit und damit in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts. Gegen Ende dieser Zeit vermuten wir den Bau der Wohntürme unter dem Hochzeitshaus, die 1232 zerstört oder beschädigt worden sind. Das bislang jüngste bekannte Grubenhaus in der Vitzgasse folgte schon der neuen Richtung und datiert mit ihrer blaugrauen Ware ebenfalls in die Zeit um 1200.
    Über den Anlass der Neugestaltung wissen wir nichts; die politischen Ereignisse machen die Reorganisation für eine Zeit vor 1165 wahrscheinlich (Erzbischöfe Heinrich, Arnold und Konrad), grob also in der Mitte des 12. Jahrhunderts. Danach folgte Christian von Buch (1165-1183), der wegen seiner steten Kaisernähe (Barbarossa) die Mainzer Territorialpolitik vernachlässigt haben soll.

 
     
 
  • 5.2. Die Erweiterungen im 12-13. Jahrhundert. Hinweise und Spuren.

    Wenn man STOOB sicher nicht in jedem Detail folgen kann, so wird man ihm so man ihm zugestehen müssen, dass er den folgenden Ausbau bis 1200 und die letzten Erweitungen nach 1232 z.B. um den Jordan im Wesentlichen richtig gesehen hat. Mit der erzbischöflichen Burg im Westen irrt er allerdings. Die älteren Untersuchungen in den 1950er Jahren durch August Boley und kürzlich durch Jürgen Kneipp und ihre typischen Funde auf dem Gelände der ehem. "Watter-Kaserne" zeigen uns nämlich, dass die sog. "Alte Burg" eher als eine solche Anlage der Erzbischöfe anzusprechen ist.
    Bezeichnend für die Befestigungstechnik dieser Zeit sind die durch Richard Löwenherz in den 1190er Jahren eingeführten halbrunden Türme, die in Fritzlar (angefangen mit dem noch recht kleinen sog. "Alten Turm") für drei Generationen die Stadtbefestigung verstärken.

 
     
 
  • 5.3. Die Entwicklungen bis ins 16. Jahrhundert.

    Bei der Reparatur der Schäden von 1232, wozu auch die Vernichtung der eben genannten Burg gehört haben wird, werden zunächst auch die halbrunden Bastionen wieder rekonstruiert. Bei genauer Betrachtung erkennt man eine Baufuge zwischen den reparierten Bastionen und den später aufgesetzten Rundtürmen. Die Vorstellung (BURCHART und BRÜGGEMEIER 2004, 27f.), dass sie und der ähnliche Jordansturm auch schon so früh errichtet sein soll, ist irritierend, da Rundtürme üblicherweise ab dem frühen 14. Jahrhundert angesetzt werden. In Fritzlar mag die Turmaufstockung und der Neubau mit den dauerhaft schwelenden Auseinandersetzungen zwischen Mainz und Hessen um 1300 ihre Ursache haben. Es folgen im Spätmittelalter das "Neue Gestück" und die Barbakanen vor den Toren, im 16. Jahrhundert die Aufstockung des "Grauen Turmes".
    Ein letztes Mal wird Fritzlar erweitert, als man erneut die Mittelterrasse einbezieht und für etwa 200 Jahre die Neustadt als eigenständiges Kommunalwesen errichtet und befestigt. Damit sind -von wenigen Ausnahmen abgesehen- die Bebauungsgrenzen bis ins 18. oder 19. Jahrhundert stabil.

 
     
 
  • 6. Resümée: Alte und neue Forschungsaufgaben.

    Die letzten Ergebnisse aus dem Bereich der Büraburg haben der Forschung eine neue Richtung gegeben. Die Rolle, welche die Naturwissenschaften dabei gespielt haben, muss uns animieren, den Dialog mit den historischen Überlieferungen weiter zu verstärken und dabei nichts als selbstverständlich hinzunehmen. Konkret heißt das: Es wird in Zukunft noch mehr nötig sein, in Kooperation mit den zuständigen Stellen, Bauherren und Investoren so viele Bodeneingriffe wie möglich innerhalb der Altstadt auch archäologisch zu begleiten. Dazu gehört z.B. auch eine konsequente Fortsetzung der exakten Kellerforschung, die im Zeitalter der Computer eines Tages in Gestalt eines dreidimensionalen Models uns weitere Details der Stadtentwicklung offen legen kann. Denn das Stadtbild hat sich durch die Zeiten viel häufiger verändert, als wir heute wissen können. Auch die Baugeschichte des Rathauses ist zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert wahrscheinlich noch erheblich komplizierter.
    Schließlich und nicht zuletzt muss die Frage nach der Vorgeschichte des Stiftes geklärt werden. Dazu sind sämtliche historische und archäologische Informationen zusammen zu tragen und auch Bereiche zu beobachten, die bisher eher beiläufig betrachtet wurden, so z.B. im Rahmen der Frage, ob die Mittelterrasse tatsächlich nicht mehr getragen hat, als die "Neustadt" seit dem 13. Jahrhundert. Immerhin gab es unter dem heutigen Schulbau St. Angela einst eine Bonifatius-Kapelle! Zusammen mit der heute noch existenten Bonifatius-Quelle hätten wir hier eine klassische Konstellation für einen frühen kirchlichen Brennpunkt. Es bleibt daher zu wünschen, dass das Regionalmuseum auch weiterhin über die räumlichen, technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten verfügt, um diese Aufgaben mit Fachkollegen und interessiertem Publikum zu bewältigen.

 
     
 

Literatur:

Atzbach, Rainer, Die Höfe bei Ebsdorfergrund-Dreihausen und das Ende der karolingischen Großburgen in Nordhessen (in: Marburger Correspondenzblatt zur Burgenforschung - Jahrbuch des Marburger Burgen-Arbeitskreises für europäische Burgenforschung, im Druck).

Baumgärtner, Ingrid, Helmarshausen. Buchkultur und Goldschmiedekunst im Hochmittelalter. euregioverlag Kassel 2003.

Becker, K., Ausgrabungen im Dom zu Fritzlar, in: Die Denkmalpflege 21 (1919), 85-88.

Binding, Günther/Untermann, Matthias, Kleine Kunstgeschichte der mittelaltrlichen Ordensbaukunst in Deutschland. Darmstadt 1985.

Burchart, Karl, und Brüggemeier, Alfons, Die Stadtbefestigung Fritzlars im Mittelalter zwischen Haddamar- und Schilderertor. Geschichtsverein Fritzlar. Beiträge zur Stadtgeschichte 13., Fritzlar Juni 2004.

Gensen, Rolf, Frühgeschichte des Fritzlarer Raumes (in: Fritzlar im Frühmittelalter. Festschrift zur 1250-Jahrfeier. Fritzlar 1974, 10-39).

Gockel, Michael, Fritzlar und das Reich (in: Fritzlar im Frühmittelalter. Festschrift zur 1250-Jahrfeier. Fritzlar 1974, 89-121).

Hendler, Ernst, Grabungsbericht Ausgrabung Fritzlar "Waage" vom 05.01. 1979, LA Marburg, Kopie im Fundarchiv RMFZ.

Humbach, Rainer, Dom zu Fritzlar. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2005.

Jestädt, Wilhelm, Festschrift zum 1200jährigen Bestehen der Stadt Fritzlar 724-1924. Fritzlar 1924.

Kneipp, Jürgen, Hessen Archäologie.

Küther, Waldemar, Fritzlar und Mainz (in: Fritzlar im Frühmittelalter. Festschrift zur 1250-Jahrfeier. Fritzlar 1974, 168-201).

Merian, Matthäus, Topgraphia Germania. Hessen (1646).

Oswald, Friedrich, Die bauliche Entwicklung des Fritzlarer Domes nach den Untersuchungen von 1969 (in: Fritzlar im Frühmittelalter. Festschrift zur 1250-Jahrfeier. Fritzlar 1974, 59-68).

Oswald, Friedrich, Die Baugeschichte der Klosterkirche nach den Ausgrabungen von 1964 bis 1968 (in: Baumgärtner (2003), 45-76).

Schlesinger, Walter, Die Königserhebung Heinrichs I. zu Fritzlar im Jahre 919 (in: Fritzlar im Frühmittelalter. Festschrift zur 1250-Jahrfeier. Fritzlar 1974, 121-143).

Schneider, Ambrosius, Die Cisterzienser. Geschichte - Geist - Kunst (Köln 1986).

Schulze, Hans K., Das Chorherrenstift St. Peter zu Fritzlar im Mittelalter (in: Fritzlar im Frühmittelalter. Festschrift zur 1250-Jahrfeier. Fritzlar 1974, 144-167).

Schwind, Fred, Fritzlar zur Zeit des Bonifatius und seiner Schüler (in: Fritzlar im Frühmittelalter. Festschrift zur 1250-Jahrfeier. (Fritzlar 1974, 69-88).

Stoob, Heinz, Fritzlars Stadtgrundriß als Spiegel seiner mittelalterlichen Geschichte (in: Fritzlar im Frühmittelalter. Festschrift zur 1250-Jahrfeier. (Fritzlar 1974), 302-320).

Wand, Norbert, Die Büraburg - eine fränkische Großburg zum Schutz des Edergebietes. (in: Fritzlar im Frühmittelalter. Festschrift zur 1250-Jahrfeier. (Fritzlar 1974), 41-58).

 
 


 

 
 


 
 

Mainz und Fritzlar

Dr. Johann-Henrich Schotten
(Wissenschaftlicher Leiter am Regionalmuseum Fritzlar 1993-2012)

 
 

Vorbemerkung:

Bei der folgenden Abhandlung handelt es sich um den bearbeiteten Text eines Vortrages, der am 14. Januar 2011 im Vortragssaal (Galerie) des Patrizierhauses des Regionalmuseums Fritzlar unter reger Anteilnahme gehalten worden ist. Er fand im Rahmen der jährlichen Veranstaltungsreihe des Museumsvereins Fritzlar e. V. statt. Die Darstellung bezog sich damals noch auf die herkömmliche Chronologie vor dem Bekanntwerden neuerer Forschungsergebnisse. Das erklärt vielleicht einige inhaltliche Widersprüche zu anderen Veröffentlichung auf dieser Internet-Seite.


Sehr geehrte Damen und Herren!

Der Ort Mainz begegnet uns zum ersten Male in der Epoche der augustäischen Eroberungsfeldzüge, alshier ein 2-Legionen-Lager entstand, von dem aus auch Drusus und Germanicus ihre Kampagnen durchgeführt haben (Abb. 1). Bereits für die römische Zeit wird in Mainz ein Bistum vermutet, aber erst unter Bischof Sidonius ist es um 550 erstmals belegt. Es war die Zeit nach 531, in welcher die merowingischen Frankenkönige gerade das Thüringerreich unterworfen hatten (Abb. 2). So lag es nahe, dass der Blick der Mainzer Bischöfe sich auch auf das neue Territorium nach Osten und Nordosten richtete, bis nach Nordhessen und Thüringen hinauf (Abb. 3). Es kann daher umgekehrt auch nicht verwundern, wenn Winfried Bonifatius, wie es uns die schriftliche Überlieferung in seinen Briefen an den Papst berichten soll, bei der Gründungder 3 Missionsbistümer Büraburg, Würzburg und Erfurt um das Jahr 742, bereit seinen Anspruch auf den Sitz in Mainz erhob, was der damals noch amtierenden Bischof Gewilieb sicher nicht so gerne gesehen hat (Abb. 4). Schließlich erlangte Bonifatius doch noch die persönliche Erzbischofswürde, die er von 745 bis zu seinem Tode 754 inne hatte. Er scheint aber weitere Missionstätigkeiten außerhalb seines Amtssitzes fortgesetzt zu haben, was schließlich sein Schicksal wurde (Abb. 5). Sein Nachfolger Lullus, der von 754-786 als Mainzer Bischof amtierte, gliederte die Missionsbistümer schließlich in das Bistum Mainz ein. Den neuesten Forschungen folgend kann man die Büraburg zumindest als herrschaftlichen und wohl auch als kirchlichen Vorläufer von Fritzlar ansehen (Abb. 6). Daher lassen sich die Beziehungen zwischen beiden Orten durchaus schon in das 8. Jahrhundert datieren.

 

Erst 780/81 erfolgte die erneute und endgültige Erhebung zu Erzbistum Mainz, was den Weg zum Aufbau der größten Kirchenprovinz im christlichen Abendland mit 12 Suffraganbistümern ebnete: im 9. und 10. Jahrhundert reichte das Erzbistum Mainz von Chur im Süden (Alpenrhein) bis nach Verden an der Aller im Norden (Abb. 7). Verloren gingen später lediglich das Erzbistum Magdeburg im Jahre 968 und das Erzbistum Prag im Jahre 1344. Schon Lullus galt zu seiner Zeit bereits als Primas Germaniae, also oberster kirchliche Authorität im Reiche der Karolinger (Abb. 8).

Dieses gewaltige Gebiet machte Mainz aber auch zu einer führenden Kraft in der Reichspolitik. Die Mainzer Erzbischöfe waren überwiegend königs- bzw. kaisertreu. Das gilt für Hrabanus Maurus (847-856), Hatto I. (891-913) und Aribo (1021-1031); aufsässige Amtsinhaber wurden, wie Konrad von Wittels­bach 1165, häufig einfach abgesetzt. Ein Fall verband Mainz und Fritzlar bereits in dieser frühen Zeit erneut: auf der Reichsversammlung im Jahre 953 in Fritzlar kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen König Otto I. (dem Großen) seinem ältesten aber aufsässigen Sohn Liudolf und Herzog Konrad dem Roten. Dieses Ereignis setzt eine Pfalz voraus, an deren Erforschung gerade gearbeitet wird. Erzbischof Friedrich von Mainz sympathisierte mit den beiden, und so wurde ihm 954 vom Kaiser die Würde des Erzkaplans entzogen. Seit 965 übernahmen die Erzbischöfe von Mainz aber doch dauerhaft das Erzkanzleramt, wurden also zum 2. Mann im Staate. Bereits 975 bestätigte andererseits Papst Benedikt VII. dem Erzbischof Willigis (975-1011) das Recht zur Königsweihe. Obgleich dieses bereits 1045 an Köln übertragen wurde, schmälerte dies nicht den entscheidenden Einfluss bei der deutschen Königswahl und im Kurfürstenkollegium ab dem 13. Jahrhundert. Mit Willigis verbindet sich übrigens eine Anekdote zur Herkunft des „Mainzer Rades“, da ihm einmal seine legendäre Herkunft aus dem Stellmachergewerbe vorgeworfen sein soll.

Die Basis der Mainzer Territorialherrschaft bildeten Schenkungen im Rheingau um Bingen, am Main um Aschaffenburg und Tauberbischofsheim, thüringische und hessische Zehnten und die Lehnshoheit über hessische Grafschaften. Als relativ geschlossenes Gebiet wurde zwischen dem 11. Jahrhundert und 1573 das thüringische Eichsfeld erworben.

Um den Übergang von Fritzlar an Mainz zu begreifen, muss man zunächst die örtliche wie die politische Situation um die Mitte des 11. Jahrhunderts verstehen. Der Ort Fritzlar umfasste damals zunächst nicht mehr als die eigentliche befestigte Königspfalz von 100 x 200 m Größe mit dem hochadeligen Chorherrenstift in der Unterburg, dazu vielleicht kleinere Bebauungen mit lokalem Markt vor den Toren und auf der Mittelterrasse (Abb. 9). Nach dem frühen Tode des Kaisers Otto III., der ja für das Jahre 1002 eine Reichversammlung (und Hochzeit?) in Fritzlar geplant hatte, scheint sich sein Nachfolger Heinrich II. um Ort und Stift gekümmert zu haben, an das ja auch so das sog. „Heinrichskreuz“ (heute im Domschatz) geschenkt worden sein soll (Abb. 10). Erste Münzprägungen nimmt man für das 1. Drittel des 11. Jahrhunderts an, die dem „Kölner Pfennig“ ähneln. Eigenartigerweise wird im Umfeld des Königshofes bzw. einer Versammlung zweimal ein Bischof von Fritzlar erwähnt, dessen Bedeutung bis heute völlig ungeklärt ist. Heinrich IV. (*1050, König 1054, Kaiser 1084-1106) hielt sich gern in Fritzlar auf. Erzbischof von Mainz war damals Siegfried I., wie sein Bruder, der Mainzer Burggraf Reginhard II. Sohn des Fuldaer Vogtes Reginhard I.; Siegfried wurde 1058 als Abt in Fulda erwähnt und von der Kaiserin Agnes, der Mutter von Heinrich IV. 1060 zum Mainzer Erzbischof ernannt (Abb. 11). Siegfried war mit dem Erzbischof Anno II. von Köln befreundet, beteiligte sich aber nicht an der Vormundschaftsregierung über den jungen König. 1064 unternahm er mit mehreren tausend Pilgern eine Wallfahrt nach Jerusalem.

Im Allgemeinen wird eine Übertragung der Pfalz Fritzlar an Mainz für die Zeit um 1066 angenommen. Siegfried müsste dann gerade aus dem Heiligen Land und offenbar heil zurückgekommen sein, im Gegensatz zu Heinrich, über den eine Geschichte kursiert, nach der er damals krank gewesen sei. Die Angelegenheit war wohl ein wenig komplizierter:

Im Jahre 1065 endete die Vormundschaft seiner Mutter Agnes, Anno II. und auch noch des Erzbischofs Adalbert I. von Hamburg-Bremen. Heinrich erhält die Schwertleite und ist damit volljährig. Im Jahre 1066 heiratet er Bertha von Turin, mit der er seit 1055 verlobt ist, und entließ auf Verlangen der Fürsten seinen Berater Adalbert I, was die angesammelten politischen Probleme nur wenig minderte. Seit dieser Zeit stand ihm wohl Erzbischof Siegfried zur Seite, und zwar so, dass er ihn 1069 um Hilfe bei seiner Scheidung von Bertha bitten konnte. Als Gegenleistung unterstützte er den Erzbischof bei seinem Streit um den thüringischen Zehnten. So kann man sagen, dass es diese Jahre gewesen sein müssen, in denen das Vertrauensverhältnis zwischen König und Erzbischof eng genug war, um eine politische Schenkung in Gestalt der Pfalz Fritzlar denkbar zu machen.

Denn bereits ein Jahr später mussten sich Siegfried, Anno und andere Bischöfe in Rom gegen eine Anklage wegen Vetternwirtschaft verteidigen. 1072 bürgte er mit Anno und Agnes für den eines Komplotts gegen den König bezichtigten Rudolf von Rheinfelden. Eigentlich hätte Siegfried nun gerne resigniert, er wurde stattdessen aber in den Investiturstreit hineingezogen und verbrachte die kritischsten Jahre von Heinrichs Herrschaft mal pro- mal antipäpstlich, zumeist aber prosächsisch und damit gegen Heinrich. Schließlich krönt er im März 1077 in Mainz zunächst Rudolf von Saalfelden zum Gegenkönig, nach dessen Scheitern im Jahre 1081 Hermann von Salm in Goslar. In diesem politischen Durcheinander hat ihm Heinrich wohl Fritzlar wieder entzogen. Und so kam es, trotz (oder vielleicht sogar wegen) der Friedensverhandlungen mit den sächsischen Gegnern, im Jahre 1079 zu völligen Zerstörung des Platzes Fritzlar. Siegfried starb als gebrochener Mann im Februar 1084 in Hasungen und ist auch dort begraben.

Aus dem überkommenen Augenzeugenbericht des nachfolgenden und wieder loyalen Mainzer Erzbischofs Wezilo von 1085 wissen wir, dass Fritzlar dann noch ausgesehen haben muss wie heute nach einem Bombenangriff. Selbst die gerade 90 Jahre alte Stiftskirche war so verwüstet, dass man eine, zunächst wohl eher provisorisch errichtete Nachfolgerin nicht mehr in der gleichen Ausrichtung zu bringen vermochte wie ihre Vorgängerin. Erst einige Jahre später war man mit der Schutträumung so weit, dass die Stiftskirche (der heutige „Dom“) exakt aber größer über dem alten Grundriss errichtet werden konnte.

Erzbischof Wezilo, der am 29. Oktober 1085 für das Stift St. Peter urkundete, denn einen anderen Siedlungsteil gab es offenbar noch nicht, starb leider schon 1088. So blieb es seinem Nachfolger Ruthard überlassen, den Wiederaufbau einzuleiten. Dafür sprechen 2 Urkunden, die er 1103 und 1109 ebenfalls noch für das Stift fertigte. In diese Epoche mag die erste planvolle Marktsiedlung zu datieren sein, die sich um die Achse "Zwischen den Krämen" und um das Mainzer Vogteigebäude (die ehem. Stiftsvogtei), das heutige Rathaus, gruppierte (Abb. 12). Es war auch die Zeit, als der Mainzer Vogt den Handwerkern in Fritzlar die Möglichkeit zum freien Zuverdienst eröffnete, was ungeahnte Folgen haben sollte. Ein erster (Markt)zoll wird für 1124 erwähnt.

Die Hauptkirche in Mainz ist seit jeher dem Hl. Martin gewidmet gewesen (Abb. 13). Das erklärt einmal sein Patronat über die Stadt Mainz selber als auch über das frühe Fritzlar der Zeit um 1100, das zum Hauptstützpunkt der Erzbischöfe jenseits von Rhein und Main werden sollte. Als Pfalzkapelle wird dort wie bei uns eine Kirche mit dem Patrozinium Johannes des Täufers überliefert, die ebenfalls westlich der Hauptkirche lag.

Unter den Nachfolgern Adalbert I. von Saarbrücken (1111-1137) und Adalbert II. ebd. (1138-1141) begann der Landesausbau durch den Erwerb und Ausbau von Burgen, die häufig zu Verwaltungssitzen wurden. Auch Fritzlar wird langsam seine fast endgültige d. h. nahezu heutige Gestalt erhalten haben. Es folgten die Erzbischöfe Markolf (1141-1142) und Heinrich I. Felix von Harburg (1142-1153), von denen wir bislang nicht viel wissen. Die Herkunft des letzteren lässt aber aufhorchen. Falls er nicht aus dem Harburg im Eichsfeld gestammt haben sollte, könnte er die Brücke aus Norddeutschland geschlagen haben, die uns für die Zeit um 1200 die ersten Kaufleute aus Norddeutschland, den Ostseeraum und das Baltikum nachweisen lässt. Denn es kann seit dieser Zeit mit Familien aus dem Ostseeraum wie denen mit dem Namen Iwan. Terkis (Litauen!) und Knorre gerechnet werden, die dann den Kern der sog. „Michelsbruderschaft“ gebildet haben dürften, einer Art „Hanse“, der wir bis heute auch das Standbild des „Roland“ auf dem Markt verdanken, der Marktrecht, Marktfreiheit und Marktfrieden symbolisierte.

Das Erzstift Mainz verfügte in Fritzlar inzwischen auch nicht nur über die politische Macht sondern offenbar auch über ganz gegenständlichen Besitz: neben den indirekten Verfügungsmöglichkeiten an dem hochadeligen Chorherrenstift St. Peter und seinen Besitztümern, wie sie uns um 1209 genannt werden, müssen wir von der Inhabe des Münzrechtes (seit Siegfried und Wezilo?) ausgehen. Dazu kam das 1079 erhalten gebliebene ehem. Vogteigebäude des Stiftes, dann des Mainzer Vogtes, das später über den Umweg Hessen (1231), Kloster Berich und einen Schöffen an den Bürgermeister und den Rat geriet und noch heute als Fritzlarer Rathaus genutzt wird.

Ein Mainzer Herrenhof (dominicatus nostri curia) wird 1147 genannt. Er lag auf der Mittelterrasse, später wurde dort ein Armenhospital eingerichtet (Abb. 14). Es bildete den Ursprung und Kern des späteren Augustinerinnenklosters mit ihrer St. Katharinenkapelle und dem Marienhospital, heute Platz des Ursulinenklosters. Zu diesen Liegenschaften, die sich auch über zahlreiche Orte verteilten, gehörten selbstverständlich auch Mainzer Dienstmannen und Leute, die aus Mainz selber stammen. Sie werden 1109 wohl unter der Bezeichnung familia beati Martini aufgeführt und dort von der familia des Petersstiftes unterschieden.

Die politischen Aktivitäten während der Herrschaft Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) band dann offenbar aber alle Kraftreserven der Mainzer Erzbischöfe. Obwohl oder vielleicht doch weil von 1156 bis 1167 der Kölner Erzbischof Reinhard von Dassel des Kaisers Kanzler war, waren die Mainzer so eingebunden, dass ein größeres Engagement für Fritzlar lange für nicht wahrscheinlich gehalten wurde. Dennoch scheint es seit etwa der Mitte des 12. Jahrhunderts allmählich zu einer Erweiterung der Bebauung nach Norden bis zum heutigen Umfang der Altstadt und zur Neuausrichtung des Straßennetzes gekommen zu sein, wie die archäologischen Funde belegen. Nichtsdestotrotz erstarkten die Landgrafen von Thüringen/Hessen wieder. Ein daraus resultierende Konflikt um das Kloster Reinhardsbrunn zwischen den Schwägern der Hl. Elisabeth, Konrad von Thüringen sowie Heinrich Raspe einerseits und Erzbischof Siegfried III. von Mainz andererseits gipfelt im Krieg, der Belagerung, Eroberung und weitgehender Zerstörung der Stadt im Jahre 1232 durch den Landgrafen Konrad. Auch wenn hier letztlich die Thüringer den Kürzeren zogen und Fritzlar endgültig, jedenfalls für absehbare Zeit, zur stärksten Festung Niederhessen wurde, erwuchs aber der Stadt durch den allmählichen Aufstieg der Brabanter Dynastie der hessischen Landgrafen (Elisabeth v. Ungarn ∞ Ludwig v. Thüringen, Tochter Sophie von Brabant, deren Sohn = Heinrich I. von Hessen) ein weit gefährlicherer Gegner. Zunächst aber wurde durch das Aufblühen der Metropole an der Eder ("nördliche Hauptstadt" / "schönste Tochter") die Mainzer Position stabilisiert.

Es begann der Instandsetzung der Stiftskirche im frühgotischen Stil mit Hilfe der Wormser Bauhütte, finanziert durch einen Ablassbulle des Papstes Gregor IX., erweitert um die Vorhalle, das „Paradies“, vielleicht sogar durch einen Ablass des Kardinallegaten Hugo von S. Caro und Erzbischof Gerhard von Mainz gefördert. Es war auch der Anfang der Glanzzeit von Fritzlar mit einer echten Stadtwerdung und wirtschaftlicher Prosperität, deren Anziehungskraft um 1260 auch viele adelige und andere Familien in die Stadt drängen ließ. Der äußere Ausdruck dieser Entwicklung waren die in die Mauern eindringenden Klosterhöfe und die immer größer werdenden Steinhäuser, der reichen Handwerker und noch reicheren Kaufleute, auch der Klöster Haina und Hardehausen, Merxhausen und Spießkappel; die Augustinerinnen und der Deutschen Ordens siedeln sich an, bis der riesige Baukomplex Iwan am Markt (später Volksbank, zuletzt Schlecker, heute ein Hörgerätegeschäft) zu Anfang des 14. Jahrhunderts einen gewissen Höhepunkt bildete. Das belegt auch den Übergang der Macht von den Vögten über die zunächst handwerklich geprägte Bürgerschaft hin zum Kaufmanns-Patriarchat, was bald zu Verfassungskonflikten führte, die erst 1360 durch Erzbischof Gerlach entspannt wurden. In diese Zeit fiel nicht nur der Höhepunkt der politischen Selbstständigkeit und die höchste Bevölkerungszahl (um 1333) sondern auch die Blüte der fast universitären Stiftsschule, deren Lehrinhalte nicht nur theologischer Natur waren. So sind aus der Dombibliothek neben natürlich theologischen auch medizinische, naturwissenschaftliche, philosophische und sprachkundliche Werke überliefert.

Bereits im 14. Jahrhundert kam es trotz einiger Erfolge tatkräftiger Erzbischöfe immer wieder zu internen Zwistigkeiten durch konkurrierende Dynastien, die zu Doppelbesetzungen wie 1328, 1346 und 1374 führten. Das hatte sicher auch Folgen für die Fritzlarer Wirtschaft. Es ist sicher kein Zufall, dass im fortgeschrittenen 14. Jahrhundert kaum noch bürgerliche Steinhäuser, im 15. Jahrhundert so gut wie gar keine mehr gebaut wurden.

Nach schweren Kämpfen, die nur vorübergehend durch den Frankfurter Frieden von 1394 und den Friedberger Frieden von 1405 unterbrochen wurden, gelang es den Hessischen Landgrafen in zwei gewonnenen Schlachten ab 1427 die Oberhand in Hessen zu gewinnen. Dazu kam noch der "Frontwechsel" durch die Grafen von Ziegenhain (ehem. von Reichenbach), die eigentlich durch einen Erbvertrag mit den Erzbischöfen von Mainz verbunden waren (Abb. 15). Kurz vor ihrem Aussterben im Jahre 1450 setzten sie aber die Landgrafenein. Durch die Mainzer Stiftsfehde 1461-1463 zwischen den konkurrierenden Erzbischöfen Dieter von Isenburg und Adolf von Nassau wurde Kurmainz zusätzlich geschwächt. So zersplitterte das Territorium weiter. Es blieben im Spätmittelalter nur Teile des Mittelrheins und einiges am Main. Dazu kamen "Inseln" um Amöneburg, Alsfeld, Fritzlar (mit den Stiftsdörfern Ungedanken und Rothhelmshausen), Naumburg, der Heiligenberg (mehrfach zerstört) und schließlich das Eichsfeld sowie das Weichbild um die mainzische Universitätsstadt Erfurt (Abb. 16).

Das hatte schließlich auch Folgen zunächst für das Stift St. Peter in Fritzlar, dessen Besitzungen durch die politische Isolation immer unzugänglicher wurden. Dagegen bekam die Fritzlarer Kaufmannschaft, auch ohne Stein- dafür jetzt mit großen Fachwerkhäusern, zunächst noch keine erkennbaren unmittelbaren Probleme. Auch wenn vom Kaufmanns-Patriziat seit dem späten 14. Jahrhundert nur noch 6 alte Familien trotz verlorener absoluter Mehrheit größere politische Kraft aufbrachten, so blieben seine wirtschaftlichen Möglichkeiten als Handelsmetropole bis auf weiteres anscheinend intakt. Man hatte wohl auch noch Geld, um das Bleichentor mit zwei Rundbastionen und das Gelände der ehem. erzbischöflichen Zwingburg mit dem "neuen Gestück" zu befestigen (Abb. 17). Diese Maßnahmen zeugen aber von der angespannten politischen Situation dieser Jahre und den Willen der Mainzer, die "nördliche Hauptstadt" unbedingt zu halten, die durch interne Konflikte zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ohnedies Probleme hatte.

Immerhin gelang es in den 1430er Jahren dem Rat der Stadt noch, die Zünfte zu entmachten und dadurch für absehbare Zeit den inneren Frieden zu sichern. Das zeigt sich auch an den zahlreichen Neubauten großer Fachwerkhäuser in der Epoche. Die Macht der Mainzer Erzbischöfe jedoch ging weiter zurück. Fritzlar wurde sogar 1462 und 1509 an Waldeck verpfändet. 1483 kam ein katastrophaler Ausbruch der Pest hinzu, die 1600 Opfer forderte. Eine gewisse Stabilisierung war erst wieder in der Zeit von Mainzer Erzbischöfe wie Berthold von Henneberg (1484-1504) zu erkennen, der in der damals weltliche wie kirchliche Einrichtungen betreffenden "Reichsreformbewegung" an Bedeutung gewann. Die Neugliederung des Reiches bescherte den Erzbischöfen seit 1512 die Position eines Direktors des "Kurrheinisches Reichskreises".

Aber die Zukunft brachte neue Probleme: Durch die Eskapaden des jugendlichen Erzbischofs Albrecht von Brandenburg, der den Ablassstreit 1517 auslöste, breitete sich nicht nur in Hessen, offiziell ab 1526, sondern auch in Fritzlar schon mindestens ein Jahr zuvor durch die "Affäre Hefenträger" 1521/22, die Reformation in rasendem Tempo aus (Abb. 18). Die Protestanten stellen bis 1555 zeitweise die Mehrheit in der Stadt. Den damaligen Erzbischof Daniel Brendel von Homburg (1555-1582) kennen wir durch 2 "Denkmäler": zum einen durch den Neubau des Rolandsbrunnens 1564 und auch durch den angeblich von ihm initiierten Bau des "Hochzeitshauses". Er war es aber auch, der ab 1560 mit Hilfe der Jesuiten die Gegenreformation im hessischen Raum einleitete, in Fritzlar gelangte diese endgültig erst zwischen 1615 bis 1618 zum Abschluss. Das aufwendige Hochzeitshaus belegt im Übrigen zweierlei. Zum ersten: das Selbstbewusstsein der Bürger gegenüber der Obrigkeit war durch das Erlebnis der Reformation erheblich gestiegen (auf der Widmungstafel über dem Hauseingang folgt auf die beiden letzten Bürgermeister nicht der Landesherr sondern gleich der liebe Gott), und zum zweiten: es muss trotz aller politischer Isolation immer noch ein erheblicher Reichtum in der bürgerlichen Gesellschaft der Stadt existiert haben. So scheint auch die zunehmende Verlagerung der Metropolfunktion Niederhessens nach Kassel zunächst noch ohne sichtbare Folgen geblieben zu sein. Das Stift allerdings geriet durch den Fortfall weiterer Außenbesitzungen in Bedrängnis (Abb. 19).

Wir wissen nicht viel aus dieser Zeit, außer, dass die die feudalen und konfessionellen Loyalitäten noch unübersichtlicher wurden als sowieso schon. So diente z. B. ein Mitglied einer hochadeligen Familie aus dem Marburger Hinterland, Caspar von Breidenbach gen. Breidenstein (+1604), beerdigt in der heutigen Wochensakristei, den Erzbischöfen als Kommandeur der mainzischen Truppen in Fritzlar, ein naher Verwandter (Vetter?) jedoch als Mundschenk beim hessischen Landgrafen (Abb. 20).

Die Leiden der Stadt während des 30jährigen Krieges teilte diese mit vielen anderen Städten im Reich. Ihre Eroberung im Jahre 1630/31 mag vor allem für den hessischen Landgrafen von Bedeutung gewesen sein, für Fritzlar und Mainz bedeutete es eine Kette von Katastrophen, für Liga und Union spielte die politische Zusammengehörigkeit wohl weniger eine Rolle, wichtiger war die als Ruhe- und Versorgungspunkt im scheinbar niemals endenden "Theatrum europaeum".Daher brachte die auch im Jahre 1640 drohende Konfrontation zwischen "Kayserlichen" und "Schwedyschen" in undum Fritzlar, hier ein lebhaftes Bild aus dem "Kupferstichkabinett" des Matthäus Merian (Abb. 21), aber keine Entscheidung für die unmittelbare Zukunft. Am Ende des Krieges hatte Fritzlar über 80% der Bevölkerung verloren. Noch war Mainz aber nicht bereit die Stadt aufzugeben. Der Erzbischof Johann Philipp von Schönborn bekam sein Fritzlar zurück; erneut wurde investiert, zur Bevölkerungsvermehrung durch „Vielweiberei“ (wie anderswo auch) aufgerufen (Abb. 22). Es entstand ein barockes Stadtbild wie auch in Mainz und überall im Land (Abb. 23), und auch die Befestigungsanlagen scheinen noch einmal instand gesetzt worden zu sein. Viele Fritzlarer Bürgersöhne studierten damals in der mainzischen Universität Erfurt.

Dann aber erleben wir den Niedergang in unsicherer Zeit, sei es durch die Händel um den Spanischen Erbfolgekrieg, sei es durch die Schuldenlast bis 1740. Vielleicht gab auch eine gewisse Resignation. So erfahren wir, dass sich im Jahre 1724 der Erzbischof Lothar Franz von Schönborn sich 48 Handschriften aus der Dombibliothek „schenken“ ließ (heute in Pommersfelden), was Hinweise auf die innere Verfassung des Stiftes geben könnte.

Äußerlich erkennen wir das u. a. auch daran, dass offenbar im Verlauf des 18. Jahrhunderts immer weniger und schließlich gar keine großen Feiern im Hochzeitshaus mehr möglich waren, und das Gebäude anders (als Speicher, Rathaus, Militär-Einrichtung, Gefängnis, Ausstellungsraum und Wohnquartier usw.) genutzt wurde. Auch können wir keine großen Bürgerhäuser in diese Zeit datieren. Häufig wurde nun Nadel- statt Eichenholz zum Bau glattfrontiger und verputzter Häuser verwendet (die Steinhäuser ja nur noch imitierten). Darüber hinaus ging der Weinbau zurück und im 7jährigen Krieg schließlich unter. Mit den Torturen dieses Kriegens (1756-1763) erlitt Fritzlar seine letzte Belagerung und erlebte noch einmal ein Wunder (St. Bonifatius soll mit Wolldecken Kanonenkugeln abgewehrt haben), wobei es den widerstreitenden Parteien erneut weitgehend egal war, wohin die Stadt politisch gehörte. Die Befestigung wurde anschließend nicht mehr erneuert. Es begann ihr Zerfall.

Spätestens nach der französischen Revolution hatte man in Mainz sowieso andere Sorgen (Abb. 24). Am 22. Oktober 1792 kapitulierte die Stadt vor dem französischen General Custine und den Revolutionstruppen, und der Mainzer Jakobiner-Klub, zunächst unter dem Elsässer Stamm dann unter seinem weltläufigen Präsidenten, dem Universitätsprofessor Georg Forster (Abb. 25), übernahm die Macht, die er aber im März 1793 unter Tumulten wieder verlor, ein 2. Versuch scheiterte im Mai des Jahres. Nach der Rückeroberung durch Reichstruppen am 23. Juli 1793 wurde der Spuk blutig beendet. Ob solche politischen Aktivitäten auch noch das ferne Fritzlarer Bürgertum erreichten, wissen wir bis heute nicht; immerhin war Forster auch im nahen Cassel aktiv gewesen.

Nach den Friedensschlüssen von Basel (1795), Campo Formio (1797), dem Ratstatter Kongreß (1797-1799) und dem Frieden von Lunéville (1801) verlor das Reich seine linksrheinischen Besitzungen an Frankreich. Der Reichsrat konnte den harten Bedingungen, wozu auch die Auflösung geistlicher Territorien gehörte, nur noch zustimmen (Reichsdeputationshauptschluss). So ging Fritzlar im Jahre 1803 seines Stadtherren (Abb. 26) verlustig, und des Stiftes, wobei letzteres als weniger schmerzhaft empfunden wurde, und es gelangte unter die Herrschaft des hessischen Kurfürsten, der dies allerdings auch erst gerade geworden war. Auch der neue Herr griff kräftig in die Bestände der Dombibliothek, wodurch große Verluste an Handschriften, Urkunden, Inkunabeln und Büchern entstanden, insgesamt 203 Stücke, die nach Kassel gelangten (mein Ur-ur-ur-ur-Großvater, der dortige Bibliotheksleiter Johann-Ludwig Voelkel, kurz darauf Chef und Ausbilder der Brüder Grimm, hat davon sicher profitiert). Dafür erhielt man die ansehnliche Bibliothek der Franziskaner (Minoriten)

Ab 1806 befand man sich auf einmal, unter weiteren Verlusten der Stiftsbibliothek, im Königreich Westphalen, was nicht erwähnenswert wäre, hätte man damals nicht kurz über die Einrichtung eines Bistums Fritzlar nachgedacht, was weniger an der Politik sondern vor allem an der geringen Zahl der Katholiken in Nordhessen gescheitert sein soll (denn ein Bistum braucht auch eine ökonomische Basis). So aber gehörte Fritzlar kirchlich bis 1829 immer noch zu Mainz, um 1830 dann dem Bistum Fulda zugeschlagen zu werden. Damit endete die über 750jähre Zugehörigkeit Fritzlars zu Mainz endgültig.

 
     
 

Bildquellen:
Bildarchiv des Regionalmuseums Fritzlar und Privatbesitz.

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